Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

Christoph Busch hört den Menschen zu. Das Foto zeigt ihn in der Hamburger U-Bahn-Station Emilienstraße vor seinem Zuhör-Kiosk stehen.Christoph Busch vor seinem Zuhör-Kiosk: Der ehemalige Drehbuchautor ist heute Vollzeitzuhörer. © Achim Multhaupt

Hört, hört!

Was die Welt zu erzählen hat? Christoph Busch weiß es. Er sitzt seit zwei Jahren regelmäßig in einem ehemaligen Kiosk in einer Hamburger U-Bahn-Station und hört Menschen zu.

An der Glasscheibe drückt sich ein kleines Mädchen die Nase platt. Es schaut neugierig hinein in den Kiosk, der mitten auf dem Bahnsteig der U-Bahn-Station Emilienstraße in Hamburg steht. Darin erspäht es allerdings nicht – wie vielleicht erhofft – Schokoriegel und die neue Ausgabe des Micky-Maus-Magazins, sondern: Fotos, vollgeschriebene Notizbücher, aufgeschlagene Bildbände, Überraschungsei-Figuren, verzierte Streichholzschachteln und einen Mahatma-Gandhi-Salzstreuer.
Manche würden sagen: Krimskrams, der sich im Laufe eines Lebens angesammelt hat. „Mama, wer lebt da?“, fragt das Mädchen. „Niemand“, antwortet die Mutter und zieht das Mädchen weiter zum Ausgang, ohne sich den Kiosk genauer anzuschauen. Das ist wohl das Los des Kiosks: Er ist auf den ersten Blick so gewöhnlich, dass viele Menschen achtlos daran vorbeigehen. Er ist gleichzeitig so besonders, dass er Menschen, die wie das kleine Mädchen offenen Auges durch die Welt gehen, sofort auffällt.

Christoph Busch hört den Menschen zu. Das Foto zeigt ihn in der Hamburger U-Bahn-Station Emilienstraße vor seinem Zuhör-Kiosk stehen.

(K)eine gewöhnliche Station: An der Haltestelle Emilienstraße sitzt Christoph Busch in seinem Kiosk. © Achim Multhaupt

Kurze Zeit später kommt Christoph Busch. Mit dem Schlüssel, der an einer Kette an seiner Hose hängt, schließt er den Kiosk auf und setzt sich hinein. Er verkauft hier nichts. Im Gegenteil. Die Menschen kommen zu ihm, um etwas dazulassen: immer kostenlos. Warum? Weil Busch gerne zuhört und weil die Menschen etwas zu erzählen haben. „Geplant war das so nicht“, sagt Busch.
Für die Geschichte, wie er zum Zuhörer zwischen den Gleisen geworden ist, gibt es eine einfache und eine komplizierte Version. Die einfache: Der Drehbuchautor Busch ist vor zwei Jahren zufällig an dem leeren U-Bahn-Kiosk vorbeigekommen, sah das „Zu vermieten“- Schild, dachte sich: Das wäre ein tolles Büro! Er bewarb sich beim Hamburger Verkehrsverbund darum und bekam den Zuschlag.

Doch vom ersten Tag an lief das Drehbuchschreiben nicht mehr rund. Denn: Leute blieben stehen, schauten neugierig in den Kiosk, klopften an, suchten das Gespräch mit Busch, fragten auch mal nach dem Fahrplan. „Ich bin kein unhöflicher Mensch, deshalb habe ich mich immer mit den Menschen unterhalten. Und irgendwann habe ich gemerkt: Das macht mir Spaß. Das will ich machen“, sagt Busch.
Anfangs hielt er mit den Passanten nur einen kurzen Plausch durchs Kioskfenster. Irgendwann lud er die ersten Besucher in seine Glasbude ein. Die Gespräche wurden länger – und Busch war immer mehr von der Idee angetan, Zuhörer zu werden. Bis er sich endgültig entschied: „Das mache ich jetzt in Vollzeit. Ich höre den Menschen zu.“

Brüche und Kanten

Christoph Busch hört den Menschen zu. Das Foto zeigt ihn in der Hamburger U-Bahn-Station Emilienstraße in seinem Zuhör-Kiosk stehen.

„Ich schaue gerne in die Gesichter der Menschen, die in den Bahnen vorbeifahren“, sagt Busch. „Sie sind unverstellt.“ © Achim Multhaupt

Zur Erinnerung: Das war die einfache Version. Wieso einfach? Weil der Autor dieses Textes mal eben, schwupps, mehrere Monate voller Zweifel, guter Entscheidungen, Rückschläge und Neuanfänge in Buschs Leben in gerade mal 961 Zeichen gepresst hat.
Und schon sind wir bei seinem Thema: der Suche nach der komplizierten, langen Geschichte. Denn Busch nimmt sich Zeit. Manchmal stundenlang, manchmal über mehrere Wochen. „Oft kommen Besucher zu mir, bei denen merke ich sofort: Sie erzählen mir schöne, glatte Geschichten. Schnelle Zusammenfassungen. Dabei ist meistens gar nicht das große Ganze wichtig, sondern die vielen kleinen Brüche und Kanten“, sagt Busch.
Er nimmt die losen Enden auf und zieht an ihnen, bis er die wirklich wichtigen Teile einer Geschichte in der Hand hält. Im wahrsten Sinne, denn Busch protokolliert alle Gespräche. Meistens macht er Tonaufnahmen und fotografiert seine Gesprächspartner – wenn sie es denn wünschen. Die Aufzeichnungen sind nur für ihn selbst bestimmt. Busch schweigt still über die Details, die ihm in den Gesprächen erzählt werden. Das ist er seinen Gästen schuldig.

„Manche von uns haben einfach niemanden, der ihnen zuhört. Für diese Leute gibt es den kleinen Zuhör-Kiosk.“
Christoph Busch 

Seine Gäste, das sind zum Beispiel: der Schüler, der von seinen Schulkameraden gemobbt wird. Die Frau, die während ihrer Ehe merkt, dass sie eigentlich doch eher auf Frauen steht. Der Großvater, der gerne von seiner Jugend im Krieg erzählen möchte – aber von seiner Familie gesagt bekommt: „Ach, Opa, die Geschichte hast du schon so oft erzählt.“
Manche Gäste kommen von weit her, manche wohnen ums Eck. Die meisten kommen allein, aber auch schon ganze Familien saßen in Buschs Kiosk. Viele Besucher kommen wieder. Andere sieht Busch nach einem Gespräch nie mehr. Mehr als 250 Gespräche hat er aufgezeichnet, hunderte weitere durchs Fenster oder vorm Kiosk geführt. „Jeder möchte reden. Das ist menschlich. Die Geschichten in uns müssen raus. Aber manche von uns haben einfach niemanden, der ihnen zuhört“, sagt Busch. „Für diese Leute gibt es den kleinen Zuhör-Kiosk.“ Busch betont, dass seine Gespräche keine Psychotherapie ersetzen. „Das hier ist etwas ganz anderes. Ich habe keinen medizinischen Auftrag – und es wäre vermessen zu denken, ich könnte in einem zweistündigen Gespräch Lösungen für Probleme finden, die der Mensch vielleicht schon seit Jahrzehnten mit sich schleppt.“ Kein Therapeut, kein Problemlöser – was ist Busch dann? Er selbst sagt, dass er den Begriff „fremder Freund“ schön findet.

Die Gäste können ihm alles frank und frei erzählen, müssen ihn gleichzeitig nie wiedersehen, wenn sie nicht wollen. Das gibt ihm auch die Freiheit, so reden zu können, wie er will. Ein Beispiel: Wenn ein Mann zu ihm kommt und ihm erzählt, dass er seine Frau betrügt, obwohl er glücklich ist in seiner Beziehung, wäscht Busch ihm schon mal richtig den Kopf. „Wenn er mit der Geschichte zu seinem besten Freund gegangen wäre, würde der ihm wahrscheinlich auch gerne Kontra geben. Aber er traut sich nicht, weil er damit riskiert, seinen Freund zu verlieren.“

Wird alles anders?

Der rein spendenfinanzierte Zuhör-Kiosk trifft einen Nerv bei den Menschen. Warum das so ist, weiß Busch noch nicht so genau. Was er weiß, ist: dass es die eine, alles erklärende Ursache nicht gibt. Und dass wir uns – wie bei den Geschichten – allzu oft mit schnellen, glatten Erklärungen zufriedengeben.
„An dem einen Tag heißt es, das Handy und das Internet sind schuld daran, dass immer mehr Menschen zu Therapeuten gehen oder eben solche Orte wie den Zuhör-Kiosk besuchen. Am nächsten Tag ist es eine Generationenfrage. Am dritten heißt es wiederum, dass die Menschen immer einsamer werden und deshalb solche Anlaufstellen brauchen. Ich denke, da ist nichts dran.“ Er glaubt auch nicht, dass die Menschen das Zuhören verlernt haben. Wenn überhaupt, dann fehlt gelegentlich der Mut, ein wichtiges Gespräch anzufangen oder sich jemand persönlich zuzuwenden.
„Wer weiß, vielleicht gibt es sogar eine positive Entwicklung: Womöglich ist der Bedarf an guten Gesprächen heute nur deshalb größer, weil sich immer mehr Menschen trauen, ihre Geschichten zu erzählen.“

„Jeder möchte reden. Das ist menschlich. Die Geschichten in uns müssen raus.“ Christoph Busch 



Das Bild zeigt das Zuhör-Kiosk-Team vor dem Erzähl-Kiosk.

Heute gibt es ein ganzes Zuhör-Kiosk-Team. Es besteht zurzeit aus 15 Leuten: Vom Pastor bis zum Spieleentwickler helfen alle ehrenamtlich mit. © Thomas Hirsch-Hüffel

Was er sich dennoch wünscht: dass wir Menschen auf der Suche nach Gesprächen bleiben. Das ist nicht einfach: „Zuhören ist anstrengend“, gibt Busch zu. „In den ersten Wochen im Zuhör-Kiosk bin ich abends nach Hause gekommen, habe mich an den Küchentisch gesetzt und war einfach nur erschöpft. Ich habe das gar nicht verstanden. Irgendwann habe ich realisiert, dass auch ich die Geschichten erst verarbeiten muss.“
Es ist ein wenig wie ein Rucksack, den er leer in den Kiosk bringt und dann abends vollgepackt nach Hause schleppen muss. Zurzeit ist Buschs Rucksack oft nur halb voll. Das liegt daran, dass er nur noch an einem Tag in der Woche im Kiosk sitzt. In der restlichen Zeit schreibt er an einem Buch: über die Gespräche, die Menschen, seine Zeit im kleinen Glaskasten.

Weil er weiß, wie wichtig es den Menschen geworden ist, dass jemand im Kiosk für sie da ist, hat er ein ganzes Zuhör-Kiosk-Team zusammengetrommelt. Es besteht zurzeit aus 15 Leuten: Vom Pastor bis zum Spieleentwickler helfen alle ehrenamtlich mit.

Das Bild zeigt das Buchcover von "Mein kleiner Erzählkiosk - wie ich lernte zuzuhören" von Christoph Busch

© Ullstein Buchverlag

Mein kleiner Erzählkiosk – Wie ich lernte zuzuhören Über seine Zeit im Kiosk hat Christoph Busch ein Buch geschrieben. Darin geht es nicht nur um die großen und kleinen Geschichten, die er in seinem Kiosk gehört hat, sondern vor allem darum, was er selbst gelernt hat: über das Zuhören, über die Menschen und darüber, was wirklich wichtig ist im Leben. Ullstein Paperback, ISBN: 9783864930645. Das Buch erscheint am 28. Dezember 2020. Es kann bereits vorbestellt werden.





Liebe, Liebe, Liebe

„Seit ich das Buch schreibe, denke ich viel darüber nach: Welche Leute kommen eigentlich hier her, um uns ihre Geschichten zu erzählen? Welche Gemeinsamkeiten haben sie? Was verbindet die Schicksale? Ich habe die Antworten darauf noch nicht gefunden“, gibt er zu. Als Busch das sagt, wirkt er nachdenklich, fast etwas bekümmert. Es ist einer der seltenen stillen Momente im Kiosk. Dann fährt eine Bahn ein. In ihr sitzt ein etwa zwanzigjähriger Mann, schwarze Lederjacke, Kopfhörer auf dem Kopf. Er schaut aus dem Bahnfenster, sieht Busch und lächelt ihn an. Dessen Miene hellt sich sofort auf, er lächelt zurück und winkt. Die Bahn samt Lederjacken-Kopfhörer-Mann fährt weiter, und Busch sagt munter: „In solchen Momenten spürt man die Karmadusche: Dieser Ort ist einfach gut fürs Wohlbefinden.“
Dann fällt ihm doch noch eine Erkenntnis ein, die er in den vergangenen zwei Jahren erlangt hat: Fast immer bestimmt die Kindheit, wie das Erwachsenenalter wird. „Unglückliche Kinder werden oft unglückliche Erwachsene. Und glückliche Kinder werden meist glückliche Erwachsene. Oder anders: Jähzorn und Gewalt können in jungen Jahren sehr viel kaputtmachen, während etwas anderes uns zu starken und zufriedenen Menschen macht: Liebe, Liebe, Liebe.“

Christoph Busch hört den Menschen zu. Das Foto zeigt ihn in der Hamburger U-Bahn-Station Emilienstraße vor seinem Zuhör-Kiosk stehen.

Christoph Busch wünscht sich, dass wir alle den Mut finden, mehr zu erzählen – und mehr zuzuhören. © Achim Multhaupt

Apropos Kinder – das kleine Mädchen am Anfang dieser Geschichte hat eines gut erkannt: In dem Kiosk und in dem vermeintlichen Krimskrams, der im Kiosk liegt, steckt Leben. Es sind Mitbringsel der Kioskgäste und besondere Stücke aus Buschs Vergangenheit. Wer das weiß, sieht plötzlich alles anders: Hinter jedem einzelnen Foto und Buch steckt eine bewegende Geschichte. Jede Überraschungsei-Figur ist ein Augenzwinkern, das nur Christoph Busch und ein Erzähler verstehen.
In jedem Notizbuch stehen Worte, die vielen Lesern vielleicht unwichtig erscheinen würden, für den einen Erzählenden aber das ganze Leben bedeuten. Selbst der kleine Mahatma Gandhi, dem das Salz aus dem Kopf rieselt, lässt einen plötzlich nachdenken: Welche Geschichte du wohl zu erzählen hast?

Eine ganz besondere Geschichte haben auch Conny und Markus Schwarz zu erzählen. Was die beiden über das Leben in einer Patchwork-Familie berichten, lesen Sie hier.
Weitere Informationen zum Zuhör-Kiosk finden Sie hier auf dessen Homepage.
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