Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

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ESA-Astronaut Thomas Reiter erzählt, warum sich die Schwerelosigkeit im All besonders gut für medizinische Forschungszwecke eignet und wie sich sein Blick auf den blauen Planeten verändert hat.Völlig losgelöst: 350 Tage seines Lebens hat Thomas Reiter im Weltraum verbracht. © ESA / J. Mai

„Der Blick von dort oben verändert vieles“ – Interview mit Thomas Reiter

Der Weltraum, unendliche Weiten. Astronaut Thomas Reiter hat diese bereits zweimal erkundet – auf der Mir und der Internationalen Raumstation (ISS). In Erinnerung geblieben ist ihm dabei vor allem die exklusive Aussicht auf den blauen Planeten.

 

Herr Reiter, haben Sie als Kind schon davon geträumt, Astronaut zu werden?

 Definitiv, ich habe als kleiner Junge die Mercury-, Gemini- und Apollo- Missionen und insbesondere die Mondlandungen verfolgt. Daher kam der Wunsch, Astronaut zu werden. Allerdings war es schwierig, in Europa so eine Laufbahn einzuschlagen. Weil die Chancen so gering waren, habe ich mich zunächst für die Fliegerei entschieden.

 

Ihre Chance sollte aber noch kommen.

Ja, durch einen Zufall im Herbst 1986. Ich war in Oldenburg stationiert und kam eines Nachmittages von einem Einsatz mit meinem Alpha Jet zurück. Mir wurde gesagt, ich solle mich beim Kommandeur melden. Ich dachte erst, ich hätte was falsch gemacht. Dann erfuhr ich jedoch, dass ich an einem nationalen Auswahlverfahren für Astronauten für die D2-Mission teilnehmen sollte. Hier wurden allerdings eher Wissenschaftler gesucht. Erst 1990 ging es mit einem Auswahlprogramm der europäischen Raumfahrtagentur ESA weiter. 1992 war ich dann einer von sechs, die es geschafft hatten.

 

Sie waren selbst zweimal im All – was waren Ihre Aufgaben?

Für die Mission Euromir 1995, die erste europäische Langzeitmission zur russischen Raumstation Mir, wurde ich als Bordingenieur ausgebildet. Damals habe ich mich um rund 40 Experimente aus Bereichen wie Humanmedizin oder Materialwissenschaften gekümmert. Grundsätzlich kann man sagen, dass das wissenschaftliche Programm rund 80 Prozent der Arbeitszeit einnimmt. In den restlichen 20 Prozent kümmern wir uns um den Betrieb der Station und nehmen Wartungen und Reparaturen vor.

 

Wie wurden Sie denn auf Ihre Aufgaben vorbereitet?

Natürlich ist kein Astronaut gleichzeitig Biologe, Ingenieur und Mediziner. Bei der Grundausbildung bekommen wir aber Grundlagenwissen in verschiedenen Disziplinen vermittelt. Außerdem werden wir in die jeweiligen Experimente eingewiesen und haben Kontakt zu den Wissenschaftlern – wir sind dort oben ja ihr verlängerter Arm.

 

Warum werden denn überhaupt in der Schwerelosigkeit Experimente durchgeführt – und nicht auf der Erde?

In 400 Kilometern Höhe im Weltall haben wir Rahmenbedingungen, die sich auf der Erde nicht oder nur schwer reproduzieren lassen. Schwerelosigkeit beschleunigt beispielsweise den Muskel- und Knochenabbau. Forscher können den Alterungsprozess im Zeitraffer beobachten und so Rehabilitationsprogramme oder Therapien auf der Erde verbessern, beispielsweise bei Osteoporose. Außerdem können wir Materialeigenschaften von Werkstoffen testen und Erkenntnisse für die Verbesserung von Produktionsverfahren sammeln. Beispielsweise für die Herstellung von Titanaluminid, das sich in Flugzeugtriebwerken einsetzen lässt und sehr leicht ist. Dadurch verbrauchen Triebwerke weniger Treibstoff.

Von wem kommen denn die Experimente und wie werden sie ausgewählt?

Es gibt dafür Ausschreibungen der ESA, auf die sich Forschergruppen aus Europa melden können. Die Einreichungen sollten bisherige Projekte ergänzen oder völlig neue Themen angehen. Ein Team an Wissenschaftlern bewertet sie und trifft eine entsprechende Auswahl, die wir dann sukzessive abarbeiten.

 

Schwerelosigkeit, wenig Platz und viel Arbeit – wie funktioniert das Zusammenleben dort oben?

Besser, als ich das zunächst erwartet hatte. Die Internationale Raumstation ISS hat ein Innenvolumen wie ein Jumbojet – für sechs Personen ist das gar nicht so wenig. Es gibt Tage, an denen man sich nur zum Essen sieht, weil jeder auf seine Aufgaben konzentriert ist. Die Situation dort oben schweißt zusammen, im Notfall muss man sich aufeinander verlassen können.

 

Besteht nicht die Gefahr eines Lagerkollers?

Natürlich vermisst man nach einer Weile alltägliche Dinge wie Regen oder einen Spaziergang durch einen Wald. Aber alle drei Monate werden drei Crew-Mitglieder ausgetauscht, das bringt regelmäßig Abwechslung.

 

Haben Sie Alexander Gerst, der derzeit auf der ISS ist, Tipps gegeben?

Ja, bei seiner ersten Mission habe ich ihm gesagt, dass er sich Zeit nehmen sollte, den Ausblick zu genießen – am besten mit Musik. Alle 90 Minuten kann man dort einen Sonnenauf- und -untergang erleben. Man denkt, man hätte in dem halben Jahr genug Zeit dafür, aber viele Bereiche auf der ISS haben keine Fenster und unser Arbeitspensum ist sehr hoch. Ich habe beim Ausblick auf die Erde gerne Pink Floyd oder Jazz gehört. Mit Kopfhörer allerdings, weil es auf der Station mit bis zu 72 Dezibel dauerhaft sehr laut ist.

 

Mondmissionen sind wieder im Fokus der staatlichen Raumfahrtagenturen. Was macht dieses Ziel so interessant?

Der Mond ist für uns ein Zwischenschritt zum Mars. Er ist unser nächster Nachbar und nur 380.000 Kilometer entfernt. Wahrscheinlich wurde er vor rund 4,5 Milliarden Jahren bei einem Asteroideneinschlag aus der Erde herausgeschlagen. Während sich bei uns auf der Erde die Atmosphäre und durch die Plattentektonik auch die Oberfläche verändert hat, ist der Zustand von damals auf dem Mond gewissermaßen „eingefroren“. Für Forscher ist das hochinteressant, der Mond ist eine Art Geschichtsbuch für die Entwicklung unseres eigenen Planeten. Außerdem vermuten wir Wassereis in den Polregionen. Mit diesen Ressourcen ließen sich dort dauerhaft Stationen aufbauen und Sauerstoff, Trinkwasser und Treibstoff herstellen. Mit einem Sechstel der Erdschwerkraft ist der Mond ein ideales Sprungbrett für weitere Missionen. Und die erdabgewandte Seite ist ein hervorragender Beobachtungspunkt, weil es dort kein Streulicht gibt.

 

Ist der Mars auch ein Ziel?

Zwei Satelliten der ESA umkreisen den Mars aktuell, einer davon ist Mars Express. Die Sonde macht stereoskopische Aufnahmen des Planeten, mit denen wir 3D-Modelle erstellen und so virtuell über die Oberfläche fliegen können. 2016 haben wir die Mission ExoMars gestartet. Der Orbiter misst das Methan in der Marsatmosphäre, das dort eigentlich gar nicht existieren dürfte, weil es durch die UV-Strahlung zersetzt wird. Das deutet darauf hin, dass es auf dem Mars Quellen für Methan gibt. 2020 möchten wir mit einem Lander Bodenproben aus 2 Meter Tiefe holen. Wir hoffen, dann dort den Nachweis für Leben zu finden.

 

Wie realistisch ist es für Otto Normalverbraucher, ins All zu fliegen?

Das ist technisch äußerst aufwändig, verbunden mit einem hohen Energie- und Kostenaufwand. Im Bereich der kommerziellen Raumfahrt tut sich seit Jahren aber sehr viel, das finde ich sehr gut. Auch wenn ich mir kommerzielle Raumflüge lieber morgen als übermorgen wünschen würde, ist es noch ein langer Weg dahin. Der Blick von dort oben verändert vieles, diese Erfahrung sollten möglichst viele Menschen machen.

 

Wie hat sich denn Ihre Einstellung zum blauen Planeten verändert?

Aus dem All sieht man den Einfluss des Menschen sehr gut, beispielsweise riesige Rodungsflächen im Amazonasgebiet. Im Fernsehen ist das weit weg. Dort oben sieht man mit eigenen Augen, wie schnell wir unser Ökosystem schädigen. Da wird man schon nachdenklich. Die Erdatmosphäre, eine hauchdünne blaue Schicht, ist beeindruckend und wunderschön. Das ist alles, was unser Leben und unsere Natur auf der Erde schützt. Da wird einem eindrücklich klar, dass wir damit sorgsam umgehen sollten.

DIE ESA
Aufgabe der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) mit ihrer Zentrale in Paris ist es, das europäische Weltraumprogramm der 22 Mitgliedsstaaten zu konzipieren und zu realisieren. Das Spektrum der Projekte reicht von der Erforschung der Erde, ihres unmittelbaren Umfelds, des Sonnensystems und des Universums über die Entwicklung satellitengestützter Technologien und Dienstleistungen bis hin zur Förderung verschiedener europäischer Hightechindustrien. Mehr Informationen unter: www.esa.int/ESA
Zur Person: Thomas Reiter, 60, hat Luft- und Raumfahrttechnik studiert und war Jagdbomberpilot
der Luftwaffe. Von 1992 bis 2007 war er als ESA-Astronaut der achte Deutsche im All. Mit insgesamt 350 Tagen im Weltraum ist er der erfahrenste europäische Astronaut. 1995 war er auf der Mir sowie 2006 auf der ISS. Heute ist Reiter ESA-Koordinator für internationale Agenturen und Berater des Generaldirektors. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und verbringt seine Freizeit am liebsten im Garten.

Alexander Gerst gibt auf seinem Twitter-Account spannende Einblicke in die Arbeit auf der Internationalen Raumstation: Folgen Sie @astro_alex

Die Umwelt schützen: Vereine wie "One Earth - One Ocean" werden aktiv um unseren blauen Planeten zu schützen. Lesen Sie hier, warum weniger Meer ist.
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