Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

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Der Tisch ist voll besetzt beim gemeinsamen Mittagessen der Patchwork-Familie Schwarz.Bei Familie Schwarz zeigt sich das typische „Patchwork“, denn nicht alle Kinder stehen im selben familiären Verhältnis zu Mutter und Vater. Dennoch sind sie alle eine Familie. © Cira Moro

So klingt das Leben in einer Patchworkfamilie

Unsere Kleinsten sind die Zukunft. Während sie früher in klassischen Familien groß geworden sind, leben heute immer mehr Kinder in Patchworkfamilien. Das kann anstrengend sein – und gleichzeitig unglaublich bereichernd.

Zum Mittagessen gibt es heute Spaghetti mit Tomatensoße. Hände greifen nach Schöpfkellen, Salatschüsseln werden gereicht, das Besteck klimpert und klirrt, Gesprächsfetzen sirren durchs Esszimmer: „Wie lief dein Mathetest?“ „Papa, können wir nachher ein bisschen malen?“ „Hast du schon die neue Folge von Four Blocks gesehen?“ „Kann ich noch Parmesan haben, Mama?“
So klingt das Leben. Zum Beispiel bei Familie Schwarz aus Leinfelden-Echterdingen, nahe Stuttgart. Eine halbe Stunde später ist es wieder ruhig im Esszimmer. Die Kinder sind in alle Himmelsrichtungen verschwunden, spielen, basteln, daddeln am Computer.
Nur die Eltern, Conny und Markus Schwarz, sitzen noch am Tisch. „Ob wir eine Patchworkfamilie sind? Ich glaube nicht“, sagt Conny. „Aber das ist eher ein Gefühl.“

Kreative Patchworkfamilie: Conny bastelt mit den Kindern.

Kreative Familie: Conny bastelt mit den Kindern. © Cira Moro

Es gibt keine Definition

Laut Familienministerium liegt der Anteil an Stief- oder Patchworkfamilien in Deutschland heute bei rund zehn Prozent. In den neuen Bundesländern liegt deren Zahl sogar bei knapp 20 Prozent. Aber was bedeutet das eigentlich, Patchwork? Übersetzt heißt es – nicht sonderlich schmeichelhaft – Flickwerk. Schöner ist jedoch die sinngemäße Übersetzung Flechtwerk. „Tatsächlich hat sich in der Wissenschaft keine einheitliche Definition des Begriffs durchgesetzt“, sagt Katharina Grünewald. Sie ist Psychologin und Autorin des Buches „Glückliche Stiefmutter – Gut zusammen leben in Patchworkfamilien“.
„Ich rede immer dann von Patchwork, wenn in einer neuen Liebesbeziehung zumindest ein Partner Kinder aus einer vorherigen Liebesbeziehung mitbringt.“ Klar ist: Patchworkfamilien unterscheiden sich von klassischen Familien. Ein wesentlicher Unterschied ist übrigens, dass in Patchworkfamilien tatsächlich etwas öfter die Türen knallen: „Naturgemäß gab es in jeder Patchworkfamilie in der Vergangenheit eine Trennung“, sagt Grünewald. „Die kann sowohl für die Kinder als auch für die Partner traumatisch sein. Und weil niemand so etwas noch einmal erleben möchte, neigen viele Patchworkfamilien dazu, Konflikten aus dem Weg zu gehen – so lange, bis es nicht mehr geht und man sich wieder trennen muss.“ Hinzu kommt: Patchwork ist zwar ein familiäres Gebilde, aber mindestens eine Beziehung darin ist nichtfamiliär. Beispielsweise die zwischen Kind und Stiefvater.

Ein Netz entspinnt sich

Ein großes Familienportrait. Conny und Markus mit all ihren Kindern.

Das Familienfoto von Markus und Conny – von Patchwork ist hier nichts zu sehen. © Cira Moro

Und bei Familie Schwarz? Trügt das Gefühl, dass sie keine Patchworkfamilie sind? Ja und nein. Auch wenn für Außenstehende die Sache klar scheint: Conny und Markus sind die Eltern. Lia, 8, und Ole, 5, sind ihre leiblichen Kinder. Finn, 17, ist Connys leiblicher Sohn aus ihrer vorigen Ehe. Markus hat Finn allerdings adoptiert und die nichtfamiliäre Beziehung damit – zumindest auf dem Papier – aufgelöst. „Einfach, weil ich es besiegeln wollte: Finn ist mein Sohn, das steht außer Frage“, sagt Markus. Finn spricht ihn zwar noch immer meist mit Vornamen und nicht mit Papa an. Aber auf die Frage, wer seine Eltern sind, antwortet er: „Ganz klar, Conny und Markus.“
Finns leiblicher Vater hat noch zwei weitere Kinder: Pauline und Anton. Die beiden sind mit Lia und Ole überhaupt nicht verwandt – und doch Teil von Finns Familie. Hier zeigt sich eine spannende Charakteristik von Patchworkfamilien: Sie haben keine streng hierarchischen Strukturen mehr. Vielmehr sind sie so etwas wie ein verwobenes Kunstwerk. Zugegeben: Bis hierhin ist Familie Schwarz noch gar nicht so außergewöhnlich. Allerdings ist ihr Patchwork vor rund drei Jahren um eine Dimension erweitert worden: Was, wenn Kinder in die Beziehung kommen, die gar keinen leiblichen Bezug mehr zu den Eltern haben? Bei Familie Schwarz geschah genau das auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Conny und Markus hatten im Griechenlandurlaub das Leid der Flüchtenden hautnah miterlebt und sich entschieden: Wir müssen etwas tun. Sie begannen, sich in der Flüchtlingsarbeit zu engagieren.
2016 kam ihre Tochter Lia aus der Schule und meinte: Da sei ein neuer Schüler, der habe noch nicht mal einen Schulranzen. Es war der damals 9-jährige Shadi, der aus Syrien geflüchtet war. Conny und Markus nahmen ihn bei sich auf und kümmerten sich fortan um ihn. Gleichzeitig lernte der älteste Sohn Finn den etwa gleichaltrigen Aldar kennen. Der aus Damaskus geflüchtete junge Mann stand zwar schon auf eigenen Beinen, freute sich aber, dass auch er von der Familie Schwarz offenen Herzens begrüßt wurde. Finn und Aldar sind beste Freunde – und so etwas wie Brüder.

Die Kinder wissen es am besten

Während des Gesprächs mit Conny und Markus kommt Shadi ins Esszimmer. Er hält ein selbstgemaltes Bild in seiner Hand. „Meine Familie“ hat er in einer Ecke notiert, darunter – mehr gemalt denn geschrieben – stehen verschiedene Namen: Lia, Ole, Finn, Markus, Conny, Aldar. Die Eltern sind gerührt, als sie das sehen, und erzählen weitere Anekdoten: Als Lia mal auf dem Schulhof mit Aldar gesprochen hatte, haben ihre Schulfreunde sie hinterher gefragt, wer das sei. „Das ist Aldar, mein Herzensbruder“, habe sie geantwortet. Shadi und Aldar seien beides ihre Herzensgeschwister.
Zu ihrem Geburtstag haben Conny und Markus eine kleine Schnitzeljagd für Lia organisiert, während der man auch Fragen über Lia beantworten musste. Eine Frage lautete: Wie heißen Lias Brüder? „Wir hatten das gar nicht hinterfragt, weil wir dachten, dass alle mit ‚Ole‘ und ‚Finn‘ antworten werden. Aber die Kinder haben verschiedene Namen notiert, zum Beispiel auch Shadi und Anton“, erzählt Conny. Zumindest für die Kinder scheint ganz klar zu sein, welchen Platz sie in dieser Familie einnehmen.
Dieses Sich-in-eine-neue-Rolle-Einfinden kann allerdings auch ziemlich anstrengend sein. Gerade in Patchworkfamilien. „Natürlich streiten wir auch mal, aber danach setzt man sich zusammen und versucht, das Problem gemeinsam zu lösen“, sagt Markus. Das ist der richtige Weg, meint auch Psychologin Grünewald: „Konflikte sind unvermeidlich, weil verschiedene Standpunkte aufeinanderknallen. Und manchmal brauchen Kinder auch eine heilsame Zurechtweisung. Sie rebellieren dann natürlich, aber das tun Kinder in klassischen Familien genauso. In meiner Praxis sehe ich es jeden Tag: Familien, die viel – und vor allem offen – miteinander reden, kommen besser klar.“

Letztlich sei jeder Konflikt auch eine Chance, sich besser kennenzulernen. Und davon können Kinder sogar richtig profitieren. „Patchwork kann einem unglaublich viel geben“, sagt Grünewald. „Nicht nur, dass man plötzlich eine größere Familie hat, sondern man kann auch verschiedene Rollen einüben: Mal ist man Einzelkind, mal hat man drei Geschwister. Mal ist man Sohn und plötzlich vielleicht sogar Onkel, wenn das Stiefgeschwister selbst schon Kinder hat.“

Die Freitagsfamilie

Patchworks können Spaß machen. Und vor allem: Patchworks können verschiedene Familien miteinander verbinden – manchmal sogar über verschiedene Kulturen hinweg. Auch Shadi hat eine leibliche Schwester: die 8-jährige Ezra. Er hatte sie jahrelang nicht gesehen. Erst vor Kurzem ist sie gemeinsam mit ihrer Mutter nach Deutschland gekommen. Mittlerweile wohnt Shadi wieder mit Ezra und seinen leiblichen Eltern zusammen. „Zumindest jeden Freitag kommen die beiden noch zu Besuch. Auch Aldar ist dann jedes Mal da“, sagt Markus. „Freitags ist die Familie also komplett.“ Dann klappert wieder das Besteck, und Spaghetti mit Tomatensoße wird verteilt, während die Familie viel lacht und manchmal auch ein wenig streitet. Dann spürt jeder wieder: So klingt das Leben.

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