Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

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Schöne alte Welt – von der Digitalisierung zurück zum Analogen

Zwölf Leute sitzen im Bus Richtung Sankt Pauli. Zwölf Leute haben ihr Smartphone in der Hand. Zwölf Leute schauen aufs Display, denn jeder will wissen: Ist sie noch da, die Verbindung zur digitalen Welt? Die Digital-Keule hat uns hart erwischt. So hart, dass vieles, was wir in unserer Kindheit und Jugend verinnerlicht haben, heute nicht mehr mit der Realität vereinbar ist. Noch Ende der Neunziger appellierten Eltern etwa: Steig nie zu Fremden ins Auto und triff dich nie mit Unbekannten aus dem Internet. Gefühlt stimmt beides auch 2017 noch – nur die digitale Realität hat das Gefühl rechts überholt. Heute steigen Menschen zu Internet-Unbekanntschaften ins Auto und zahlen sogar Geld dafür – es ist das Geschäftsmodell der Privattaxi-App Uber.

 

Langsam herunterfahren

„Digital ist eigentlich ganz cool, hat aber – wie alles – irgendwie seine Macken“, sagt Ralph Haiber. Der 46-Jährige ist Inhaber des Plattenladens Freiheit & Roosen in der Kleinen Freiheit auf Sankt Pauli. Seit 18 Jahren verkauft er Schallplatten. Damals waren die Produktionszahlen im Keller. Gerade mal 600.000 Vinylscheiben gingen 1999 in Deutschland über den Ladentisch. Im vergangenen Jahr waren es 3,1 Millionen. Haiber lebt von diesem Trend. Woher der kommt? „Die Menschen versuchen, vor den täglichen Automatismen zu fliehen. Ein Knopfdruck, und sofort ist der Computer, das Handy oder der Fernseher an.

Hingegen hat Plattenhören etwas von einem Ritual. Der Musikhörer sucht eine Scheibe heraus, trägt sie zum Plattenspieler, setzt die Nadel auf. Das ist zwar aufwendiger als ein einfacher Knopfdruck, dafür bekommt er als Belohnung aber nicht nur die Musik, sondern auch ein Gefühl des langsamen Herunterfahrens.“ Geschätzt 200.000 Platten hat Haiber in seinem Laden. Die genaue Zahl kennt er nicht. Auch das gehört irgendwie zur analogen Welt: etwas nicht genau wissen und nicht gleich nachschauen können. Der Computer spuckt einem die Anzahl der Musikdateien hingegen mit zwei Mausklicks aus. Auch die Sortierung der Platten im Laden ist für Haibers Kunden auf den ersten Blick nicht ersichtlich. „Hier bin ich Google. Und Tipps wie in der Musik-App Spotify bekommen die Kunden auch von mir persönlich. Aber sie sollen ruhig erst mal ein wenig stöbern. Sonst finden sie ja nie die Sachen, die sie nicht gesucht haben“, lacht der gebürtige Schwabe.
In Spotify bekommen auch Hörer alternativer Musik computergenerierte Vorschläge – und landen damit im Alternativmusik-Mainstream. Haiber hinterfragt das Digitale, liest lieber im Buch und in der Zeitung statt auf dem Bildschirm. Das Analoge bereichere sein Leben – gleichzeitig braucht er jedoch das Digitale zum Überleben: Die meisten seiner Platten verkauft er nicht in seinem Laden, sondern über das Internet – das analoge Medium wird erst im digitalen Web zum Bestseller.

 

Schöne alte Welt: von Digital zu Analog: Autor André Wilkens

Autor Andre Wilkens (© Götz Schleser)

 

ABBA für alle

Dass in der Musik wegen der Digitalisierung vieles verloren geht, weiß nicht nur Haiber. „Die Grenzen von Digital sind nicht quantitativ, sondern qualitativ. Punk wäre wahrscheinlich nicht zu einer der interessantesten Musikströmungen des letzten Jahrhunderts geworden – viel zu chaotisch. Algorithmen analysieren heute, was in der Masse populär ist, und geben uns immer mehr davon. Nach einer Weile klingt dann alles nach ABBA-Variationen. Beim Morgenradio ist es schon so weit“, sagt Andre Wilkens. Der Politikwissenschaftler aus Berlin ist Autor des Buches „Analog ist das neue Bio“. Die Idee zu dem Buch kam ihm, als weltpolitische und lokale Ereignisse zusammenspielten: Während der amerikanische Skandalaufdecker Edward Snowden uns verriet, was Geheimdienste mit unseren vertraulichsten Daten machen, eröffnete in Wilkens’ Nachbarschaft eine Videothek. Sein erster Gedanke: Der Skandal ist bald vergessen und in zwei, drei Wochen macht der altmodische Verleihschuppen einem Handyladen Platz. Doch Snowden treibt uns bis heute um und die Videothek ist mittlerweile zum Szenetreff aufgestiegen. Die digitale Revolution gibt uns das Gefühl, dass alles schneller und besser funktioniert.
Aber glücklicher sind die Menschen dadurch nicht geworden. „Irgendwie haben wir gehofft, dass wir mithilfe der Digitalisierung die Welt retten. Und was haben wir geschafft? Dass die Pizza schneller kommt“, sagt Wilkens. „Was das Verhältnis zwischen digital und analog angeht, kann die Welt viel von der Bio-Bewegung lernen. Die ist damals wegen Lebensmittelskandalen wie BSE, Schweineseuche und der Tschernobyl-Katastrophe aufgekommen. Der Snowden-Schock könnte der Start für eine Analog-Bewegung sein.“ Das Digitale müsse dabei nicht in allen Kategorien geschlagen werden – Bio sehe ja auch nicht besser aus als industrielle Design-Lebensmittel, aber es schmecke besser. „Analog muss auch irgendwie besser schmecken.“

 

Analog kostet

Das hat allerdings – ebenso wie Bio-Lebensmittel – seinen Preis: Man muss sich Analog auch leisten können. Eine Mail kostet nichts, für einen Brief muss der Schreiber eine Briefmarke kaufen. Ein Facebook-Chat ist umsonst, ein persönlicher Besuch kostet Benzin oder eine Fahrkarte. Einen Arbeitstag, an dem man nicht digital erreichbar ist, kann sich heute sowieso kaum noch ein Angestellter leisten – allenfalls der Chef.
Und: Wozu noch eine Zeitung kaufen, wenn es Nachrichten im Internet umsonst gibt? Oder wie Amazon-Chef Jeff Bezos sagt: „Gedruckte Zeitungen sind wie Pferde. Man braucht sie nicht zur Fortbewegung, hält sie sich aber gerne, wenn man sie sich leisten kann.“ Dabei ist gerade beim Thema Information das Analoge eine große Hilfe: „Printmedien sind kuratiert. Ich bekomme verschiedene Meinungen zu einem Thema vorgelegt. Auf Facebook ist das anders: Hier lese ich das, was mich anspricht – und der Facebook- Algorithmus gibt mir immer mehr davon. Andere Meinungen kommen irgendwann nicht mehr vor. Und plötzlich sitze ich in einer Meinungs-Filterblase, ohne es zu merken“, sagt Wilkens.

 

Pixel versus Bauklötze

Dennoch wird sich das Analoge weiter ausbreiten, sagt Wilkens voraus. Schon heute gibt es Ruhezonen in Zügen und Cafés, in denen Smartphones verboten sind. Analoge Reisen, fernab von Handynetz und WLAN, boomen. Angetrieben wird die Rück-Analogisierung erstaunlicherweise vor allem von den Digital-Revoluzzern. Die höchste Dichte an Waldorf-Kindergärten und -Schulen in den USA gibt es im Silicon Valley. „Die Leute, die den ganzen Tag an der digitalen Welt bauen, haben erkannt, dass man Kreativität nicht auf vollelektronischen Schultafeln und Tablets lernt, sondern mit Knete und Bauklötzen“, sagt Wilkens. Hierzulande ist Analogsein beispielsweise Hipstern sehr wichtig – also den jungen Leuten, die in Amazon, Netflix und Facebook leben. „Als erste Generation bekommen sie deshalb die volle Bandbreite der Risiken und Nebenwirkungen des Digitalen ab. Zum Selbstschutz ziehen sie sich deshalb in die analoge Welt zurück – und erkennen, dass sie dort Dinge finden, die ihnen das Digitale nicht liefern kann.
Der Mensch sehnt sich nach seiner Grundeinstellung: ohne WLAN, Strom und Bluetooth.“ Auch im Beruf wird sich einiges ändern: Rund 180 Milliarden Mails fluten täglich weltweit die Posteingänge. Die ständige Erreichbarkeit kann einen überfordern und in der Arbeit blockieren. „Ich habe vor einiger Zeit den analogen Freitag eingeführt“, sagt Wilkens. „Es ist wunderbar, wie konzentriert man plötzlich ist, wenn man nicht das Gefühl hat, ständig nach Mails schauen zu müssen.“

 

Schöne alte Welt: von Digital zu Analog: Analogfotografin Monika Andrae

Fotografin Monika Andrae (© Franz Bischof)

 

Absolut analog Digital konserviert – und größtenteils nie mehr betrachtet – werden rund 1,3 Billionen digitale Fotos, die weltweit in diesem Jahr aufgenommen werden. Eine unvorstellbar hohe Zahl, die schlagartig klarmacht, warum die Wertschätzung für Bilder nicht mehr so hoch ist wie zu Analogfoto-Zeiten. „Der Kern für ein gutes Bild liegt erst mal nicht in der Technik, sondern im Fotografen“, sagt Monika Andrae. In Barsinghausen, nahe Hannover, veranstaltet sie regelmäßig Workshops zum Thema analoge Fotografie und veröffentlicht gemeinsam mit ihrem Kompagnon Chris Marquardt den Podcast „absolut analog“. „Mit der günstigsten analogen Kamera kann man ein ikonisches Foto schießen – und mit der teuersten digitalen auf hohem Niveau versagen.
Allerdings verleitet die Digitalkamera Fotografen eher dazu, sich weniger Gedanken zum Bild zu machen. Nach dem Motto: Passt das erste Foto nicht, dann vielleicht das fünfte. Oder das zwanzigste. Und am Computer kann man es sowieso nachbearbeiten.“ Andrae kennt beide Seiten: Als die ersten Digitalkameras auf den Markt gekommen sind, war sie sofort davon begeistert und hat die Technik gegen alle Kritiker verteidigt. Seit 2009 schießt sie wieder analog. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass jede einzelne analoge Kamera ihren eigenen Charakter hat, jede vermittelt ein anderes Gefühl. Außerdem sind vor allem die älteren Modelle auch optisch sehr schön. Digitale Kameras sind hingegen nur blanke Werkzeuge, die zum schnellen Abdrücken verleiten.“ Die Folge: Von ihren digital geschossenen Fotos behielt sie gelegentlich nur etwa jedes fünfzigste – bei den analogen ist es oft jedes zweite.

 

Etwas zum Anfassen

Wenn Andrae über Bilder und das analoge Fotografieren spricht, benutzt sie häufig Worte wie Gefühl, spüren und begreifen. Es ist wohl auch das Haptische, was den Menschen am Analogen gefällt: etwas anfassen können, um es dann zu verstehen. „Bei der analogen Fotografie weiß ich ganz genau, was ich wann wie mache. Ich muss es begreifen, denn ich mache ja alles selbst. Beim Digitalbild ist das anders. Ich wähle das Motiv und drehe an den Kameraeinstellungen – den Rest macht dann die Software eines japanischen Programmierers.“ Dennoch lebt auch sie in der digitalen Welt – und sie lebt gerne darin. Ohne Internet hätte sie sich kaum so viel Wissen über analoge Fotografie aneignen können – und sie hätte keinen Kanal, um Interessierte schnell und einfach über ihr analoges Thema zu informieren.

Die digitale Welt bietet Wissen für (fast) alle. Digital ist der große Gleichmacher. Das bedeutet aber auch: Keiner hat mehr etwas allein für sich – sondern nur noch eine Kopie. Analog schließt sich hier an einen anderen Trend an: Menschen möchten Unikate besitzen – und Unikat sein. Selbstgebrautes Bier ist in, genauso wie handgefertigte Manufaktur-Schokolade und personalisierte Schuhe. Individuelle Daten in einer Cloud? Sind ruckzuck vertausendfacht. Analog lässt das nicht mit sich machen. „Charme, Aura, Geschichte, Patina – das hat man nur bei Dingen, die man anfassen oder real betrachten kann“, sagt Plattenladen-Besitzer Haiber. „So was kann dir das Digitale nie geben.“

Man könnte ja langsam einsteigen in die analoge Welt. Und anfangen, sich die Welt öfter mit den eigenen Augen anzusehen statt auf Monitoren und Smartphones. Und wenn es nur durch die Fensterscheibe im Bus nach Sankt Pauli ist – in die Kleine Freiheit.

Der Trend geht nicht nur zurück zum Analogen, sondern auch zur ehrlichen Handarbeit. Das zeigt unsere Reportage über drei außergewöhnliche Handwerksbetriebe.
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