Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

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iStock: Mark Airs

Schluss mit lustig!

Positives Denken? Wenn Günter Scheich das hört, stellen sich ihm sofort die Nackenhaare auf.

„Du kannst alles schaffen, wenn du nur fest daran glaubst.“ Wenn ich das schon höre, dreht sich mir der Magen um. Jetzt kann also jeder reich werden, ohne viel Anstrengung 20 Kilo abnehmen und ohne besondere Fitness oder Spezialtraining auf den Mount Everest klettern. Was in den Motivationsseminaren mancher Coaches abgeht, erinnert mich an die Gehirnwäsche in Psychosekten. Das Schlimme daran: Viele Menschen glauben diesen Unsinn, scheitern dann irgendwann und verzweifeln an sich selbst. Profitieren werden davon nur die Coaches und ihre Portemonnaies.

Glück und Zufriedenheit erreicht man sicher nicht, indem man die Realität verdrängt. Das aber machen die Anhänger des Positiven Denkens sehr oft. Sie haben eine Schwarz-Weiß-Sicht der Welt: Alles ist gut, alles ist schön. Doch das Leben spielt sich oft in den grauen Zwischentönen ab. Die zwanghafte Fröhlichkeit ist ein Selbstbetrug, weil sie im Gegensatz zu gesundem Optimismus nicht echt ist. Das Lügengebäude stürzt irgendwann ein und füllt die Seele mit Frustration, vielleicht sogar mit Burnout oder Depression. Der Traum ist futsch, der Schaden groß.

Es mag komisch klingen, aber negative Gefühle beanspruchen zu Recht einen Platz in unserem Leben, schließlich erfüllen sie wichtige Aufgaben: Sie können Signale sein, dass es Zeit ist, das eigene Leben zu ändern. Sie machen auf Gefahren aufmerksam, außerdem helfen sie uns dabei Probleme zu erkennen und zu lösen. Unzufriedenheit ist eine der größten Antriebsfedern in der Menschheitsgeschichte. Also: Keine Angst vor Ärger und Frust. Wer negativen Emotionen freien Lauf lässt, wird erleben, dass sie nach getaner Arbeit von alleine verschwinden. Wer sie hingegen verdrängt, verstärkt sie meistens noch. So kann beispielsweise unverarbeitete Trauer oder Frust die Seele über Jahre hinweg belasten.

Ist Optimismus also per se falsch? Auf keinen Fall. Aber man sollte ihn mit einer ordentlichen Portion gesunden Menschenverstandes würzen. Mal ist der zuversichtliche Optimist, mal der kritische Pessimist in mir gefragt. Aus allem das Beste zu machen, das ist produktives Denken, das zufrieden macht. Die eine Glücksformel gibt es sowieso nicht, denn Glück bedeutet für jeden etwas Anderes. Das Fundament dafür sind aber unsere Fähigkeiten, Erfahrungen und vor allem – realistische Ziele. Statt mit dem Mount Everest vielleicht mal lieber mit dem Feldberg anfangen. Mein persönlicher Trick, um mir Glücksmomente im Alltag zu verschaffen ist, immer wieder eine spannende Aufgabe, ein interessantes Hobby zu haben und körperliche Bewegung. Für mich genügt es da schon, im Wald joggen zu gehen und die Natur zu genießen. Manchmal reicht eben auch das kleine Glück. Es kann ja noch wachsen.

Günter Scheich, 60, ist Psychotherapeut und Autor der Bücher „Positives Denken macht krank“ und „Ärgern ist gesund“.

Günter Scheich, 60, ist Psychotherapeut und Autor der Bücher „Positives Denken macht krank“ und „Ärgern ist gesund“.

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Kommentare

  • Annemarie Friemert
    REPLY

    Danke für den guten Artikel von Herrn Günter Scheich. Das empfinde ich schon lange so.

    30. Juni 2017
    • perspektive-Team
      REPLY

      Hallo Frau Friemert,

      vielen Dank für die Blumen:-) Das freut uns, wir geben das Kompliment gerne an Hr. Scheich weiter.

      Viele Grüße

      Ihr perspektive-Team

      3. Juli 2017

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