Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

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Photocase: Lia*

Schlimmer Finger

Der Stinkefinger regt uns auf. Wieso eigentlich?

Der eine oder andere mag sich vielleicht denken: „Ein Professor, der ein Buch über die Geschichte des Stinkefingers schreibt? Geht gar nicht!“. Als Romanist und Kulturwissenschaftler habe ich das trotzdem getan – weil ich mich für Menschen und ihre Lebenswelten interessiere. Dabei muss man ab und zu den akademischen Elfenbeinturm verlassen und auf die Straße gehen – auch wenn’s dort manchmal etwas schmuddelig ist. Denn zur menschlichen Kultur gehört die Sprache Platons und Goethes ebenso wie die Körpersprache eines erbosten Verkehrsteilnehmers. Zur Empathie sind wir nur im Stande, weil wir Gesichtsausdruck und Körpersprache unseres Gegenübers wahrnehmen. Die Empathie wäre jedoch rasch am Ende, würden wir die Körpersprache ausblenden – schließlich ist sie eine Sprache für sich, und der Mittelfinger Teil ihres Vokabulars.

Spätzünder Deutschland

Aber woher stammt die obszöne Geste? Die Antwort liegt in grauer Vorzeit und unterhalb der Gürtellinie: Der ausgestreckte Mittelfinger symbolisiert den erigierten Phallus. Es geht darum zu zeigen, wer den Größeren hat und dadurch Herr im Revier ist. Nichtmenschliche Primaten tun das noch heute, bei uns Menschen wanderte die Symbolik irgendwann vom Schritt in die Hand und wurde dort zu einem nicht minder klaren Statement. Den ältesten schriftlichen Beleg für die Schmähgeste habe ich in der Komödie „Die Wolken“ des griechischen Dichters Aristophanes gefunden. Dort drückt ein Bauer seine Verachtung mit dem unfeinen Finger aus. Das älteste bildliche Zeugnis ist auf der Graburne eines römischen Gladiators – vermutlich, weil die Geste gut zu dessen aggressiven Berufsimage passte. Obwohl in Südeuropa seit der Antike bekannt, schaffte es der Mittelfinger über Jahrtausende hinweg nicht über die Alpen. Erst in den 1960er Jahren etablierte er sich durch das schlechte Vorbild US-amerikanischer Schauspieler wie Elizabeth Taylor oder Musiker wie Johnny Cash auch in Deutschland. Über Zwischenstopps in rebellischen Studentenbuden, wo er gern als dekoratives Poster die Zimmer schmückte, hat es der beleidigende Finger bei uns inzwischen auch schon auf die politische Bühne geschafft.

Finger mit Folgen

Ich bin nun wahrlich kein Freund obszöner Gesten. Deshalb gehört auch der Stinkefinger nicht zu meinem Repertoire an Ausdrucksformen. Dennoch muss ich anerkennen, dass die Geste als Bestandteil der öffentlichen Kommunikation schon lange existiert. Treu hat der Mittelfinger uns Menschen durch die Zeitalter begleitet und löst damals wie heute eine bestimmte Reaktion in uns aus. Deshalb darf, ja muss er untersucht werden. Er gehört nun einmal zum Gesamtspektrum unserer Kultur und hat sich auf seltsame Weise ein gewisses Bleiberecht erworben. Übrigens genauso wie das Bußgeld, das man zahlen muss, wenn man ihn an ungeeignetem Ort gegenüber der falschen Person ausstreckt.

Prof. Reinhard Krüger, 65, Romanist und Kulturwissenschaftler an der Universität Stuttgart, hat das Buch „Der Stinkefinger“ im Galiani Verlag veröffentlicht.

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