Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

Das Bild zeigt in Nahaufnahme zwei Hände, die eine Taschenuhr halten.Qualität braucht Zeit, Leidenschaft und Liebe zum Detail. © Sabina Paries

Mach’s mit Herz – oder lass es!

Ein Uhrmacher hat kein besonderes Verhältnis zur Zeit. Dem Uhrmacher geht es um die Uhr. Die Uhr misst Sekunden, Minuten, Stunden – aber nicht die Lebenszeit. Und doch hat der Uhrmacher Felix Lorch ein ganz besonderes Verhältnis zur Zeit, wenn er arbeitet: Er ist froh und dankbar, dass er sich so viel Zeit nehmen kann, wie er braucht, um seine Arbeit gut zu machen.
Es gibt die Idee von der „Quality Time“. Sie meint jene Zeit, die ein Berufstätiger mit Freunden und der Familie verbringt. Die drei Protagonisten unserer Geschichte empfinden auch die Zeit, die sie bei der Arbeit verbringen, als „Quality Time“.

Der Uhrmacher Lorch kennt weder die Kunsthistorikerin Sabine Bengel noch den Karosserieschmied Isaak Rensing. Aber er hat etwas mit ihnen gemeinsam: Alle drei sind zufrieden, denn sie haben das Glück, eine Arbeit gefunden zu haben, in der sich ihr Können entfaltet. Würde man sie fragen, ob sie ihren Job gerne machen, würde jeder für sich antworten: „Na klar. Weil ich ihn gut mach. Und was du gut machst, machst du gern.“

Heute Uhrmacher werden?

© Sabina Paries

Felix Lorch aus Schlierbach in der Nähe von Stuttgart hat 2014 mit der Ausbildung begonnen. Aber warum Uhrmacher? Warum nicht „Smartphonemacher“? Ist Uhrmacher nicht vollkommen aus der Zeit? Wer braucht eine Uhr, wenn man ständig aufs Smartphone schaut?

Das Faible für Uhren liegt bei den Lorchs in der Familie. Angeführt vom Papa sind sie früher beim Stadtbummel vor der Schaufensterauslage des Uhrengeschäfts stehen geblieben. Als Felix nach dem Abitur noch überlegte, Jura zu studieren, riet ihm der ältere Bruder: „Lern lieber Feinmechaniker, dann sitzt du in deiner Uhrmacherwerkstatt und wirst glücklich!“ Das war 2014.
2017 war Lorch unter den Ausbildungsabsolventen Jahrgangsbester und somit bester Uhrmacher Deutschlands.
Bei der Uhrenmanufaktur Chopard in Pforzheim traf er auf ideale Bedingungen. „Die ersten beiden Jahre war ich der einzige Azubi und hatte den Lehrmeister komplett für mich.“ Chopard hat den Hauptsitz in Genf und eine Produktion im Jura, im Grenzgebiet zu Frankreich. Dort arbeitete der 24-Jährige ein Jahr lang und lernte eine komplett andere Welt kennen: In der Schweiz ist das Uhrmacherhandwerk Schlüsselindustrie, ein Handwerk gilt genauso viel wie ein Studium. Und die Schweiz, berühmt für Präzision und zeitaufwändige Tüftelei, formte ihn zu einem so neugierigen wie geduldigen Gesellen.

Das Bild zeigt den Uhrmacher Felix Lorch.Felix Lorch Ein Uhrmacher braucht Geschick, Geduld, technisches Grundverständnis und den Hang, sich in knifflige Probleme hineinzudenken. Man muss bereit sein, Umwege zu gehen, und man darf nicht aufgeben – auch wenn man sechs Stunden Arbeit investiert und mit einem falschen Handgriff alles kaputtgemacht hat. Felix Lorch studiert in Jena Feinwerktechnik. Sein Plan: coole Uhrwerke konstruieren!





Zeit haben als Privileg

Rückblickend sagt er: „Dort findet so unfassbar viel statt: Es gibt Studien zur Materialforschung und Fertigungsverfahren. Diese Leidenschaft und dieser Fleiß erstaunen mich und nötigen mir Respekt ab. Es wird sehr viel Aufwand betrieben, um so etwas eigentlich Unwichtiges wie eine mechanische Uhr zu optimieren, die am Ende ja doch nie ganz genau die richtige Zeit anzeigen kann.“
Da spricht der Uhrmacher, der die Zeit in Cäsiumübergängen misst. Also im Bereich von zehn hoch sechs Übergängen pro Sekunde, die Frequenz, in der eine Atomuhr misst. Aber Zeit ist relativ. „Was ich unfassbar geschätzt habe: Ich durfte nicht trödeln, ich musste meine Stückzahlen einhalten, aber ich hatte im Zweifel immer ausreichend Zeit. Das war ein Privileg.“ Man müsse auch mal zwei Stunden länger brauchen dürfen, denn Qualität dürfe man nur erwarten, wenn man bereit ist, Zeit und Geld zu investieren. „Der Preis alleine sagt noch nicht, dass etwas gut ist“, meint Lorch, der Luxusuhren baut. „Aber was allzu billig produziert ist, kann in der Regel nicht gut sein.“ Das gelte für Uhren wie für Lebensmittel, Kleidung und so weiter.

Schätze in staubigen Kisten

So, wie sich Felix Lorch in das Uhrwerk-Detailgewirr aus Federn, Rädchen, Trieben versenkt, hat sich Sabine Bengel, einst als Praktikantin im Museum im Straßburger Münster, in mittelalterliche Schriften und in die Entstehungsgeschichte von Sandsteinskulpturen vertieft.
Die Figuren hatten vor Hunderten von Jahren ihren Platz an der Münsterfassade. Die Witterung hatte ihnen zugesetzt, nun standen sie als wertvolle Originale hinter Glas. Zu jeder einzelnen Figur sollte die Praktikantin eine Mappe anlegen: Wen zeigt diese Figur? Wer hat sie wann erschaffen? Eine Lebensaufgabe in einem tausend Jahre alten Haus. Mit einem Arsenal von 2.000 Skulpturen, 5.000 Gipsabgüssen, 6.000 Schriften in Latein, auf Deutsch und Französisch! Genau das Richtige für eine wissbegierige junge Studentin der Kunstgeschichte.

Wo andere bloß Kisten mit staubigen Akten sahen, entdeckte sie Schätze: 300 Kartons voll mit ungelesenen Rechnungsbüchern, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Man muss sich Sabine Bengel als freundlich zugewandte Expertin vorstellen. Sie könnte in Talkshows sitzen und kundig berichten, wie man mittelalterliche Gewölbe, wie sie in Paris beim Brand der Kathedrale Notre- Dame eingestürzt sind, wiederaufbaut. Dabei geht es um altes Handwerkerwissen, das vielerorts leider verlorengegangen ist.
„In Straßburg“, sagt die 53-Jährige, „haben wir uns das bewahrt. Wir wissen noch, wie’s geht.“ Als Kunsthistorikerin hat sie am Straßburger Münster ihren Bestimmungsort gefunden – für sie wie ein Sechser im Lotto.

Sabine Bengel Straßburgs Münster-Bauhütte existiert ununterbrochen seit dem Mittelalter. Sie überstand Revolutionen und Reformation und um alles zu entdecken braucht es mehr als ein Menschenleben. Sabine Bengel gehört seit zwanzig Jahren zum Team. Bauhistorisch ist Straßburg so wertvoll wie Notre-Dame in Paris. Die Straßburger Spezialisten können auch beim Wiederaufbau der Pariser Kathedrale helfen.

Keine Kirche, sondern ein Wunder

Das Münster ist nicht einfach eine Kirche, in dem der Pfarrer eine Messe liest. Kein profanes Kulturdenkmal, mit dem sich Straßburg schmückt. Das Münster ist ein Wunder.

Nicht so einheitlich frühgotisch wie Notre- Dame in Paris, dafür finden sich hier Romanik, Gotik, Spätgotik, ein breites Panoptikum an Stilen und Einflüssen. Manches aus Bayern, die Turmspitze aber ist kölnisch. „Wenn ich mit meinem Mann unterwegs bin, fragt er mich: ,Welchen Stellenwert hat dieses Gebäude auf einer Skala von eins bis zehn?‘ Notre-Dame ist zehn. Aber Straßburg ist natürlich auch zehn!“
Vor einigen Jahren hat sie mit einem Steinmetz, der seit vierzig Jahren am Münster arbeitet, und einem Architekten den Komplex digital vermessen und ein 3-D-Modell entwickelt, das unterschiedliche Bauphasen visualisiert. Heute ist das gängig, damals war es sensationell.
Auf der Münsterplattform zoomen sich die Besucher per App zurück ins 15. Jahrhundert: Ah, der Turm wird gerade gebaut! Und ins 18. Jahrhundert: Oh, ein zweiter Turm entsteht! (Aber er wird nie vollendet.)

Sabine Bengel arbeitet an einem zeitlosen Ort zugleich in der Vergangenheit und in der Zukunft. Zehn Steinmetze, drei Bildhauer, zwei Maurer, ein Schmied und ein Schreiner, alles hochqualifizierte Handwerker, restaurieren tagein, tagaus. Die Beschäftigten wohnen quasi im Münster, nachts wacht ein Notdienst. Wenn es in Winternächten schneit, rücken die Steinmetze aus und schippen Schnee. Auch für Straßburg gilt das Bonmot aus Köln: „Wenn der Dom fertig ist, geht die Welt unter.“

„Unsere Bildhauer gehen sehr, sehr ins Detail. Das hören wir von anderen Bauhütten, die machen große Augen.“ (Sabine Bengel)

Eine unendliche Geschichte

© Sabina Paries

Glaubt man Isaak Rensing, gibt es auch Autonarren, die eigentlich gar kein fertiges Auto haben wollen. Lieber geben sie es in die Oldtimer-Werkstatt von Hubert Haberbusch, am Stadtrand von Straßburg, belassen es dort, kommen gelegentlich vorbei und freuen sich im Gehen schon auf den nächsten Besuch, wenn der Kühlergrill eingesetzt wird.
Rensing ist kein Autonarr, aber er weiß, wovon er spricht. Er ist der Ziehsohn von Hubert Haberbusch, Gründer dieser Garage, in der keine Autoschrauber arbeiten. Sondern Kunsthandwerker.

2017 bekam Haberbusch als erster Karosserieschmied überhaupt von der damaligen französischen Kulturministerin in Paris den Titel „Maitre D’Art“ – Kunsthandwerker für Automobile – verliehen; sein Schüler Isaak erhielt eine Auszeichnung als „Eleve“, zu deutsch: Schüler. Isaak Rensing, im Münsterland geboren, aber in Südfrankreich, in den Pyrenäen, aufgewachsen, machte einst als Wandergeselle hier Station und blieb. Noch in diesem Jahr will Haberbusch ihm das Geschäft überschreiben.
Mit dem 36-Jährigen hat er den Richtigen gefunden: Er teilt die Philosophie des Chefs, er ist ein Handwerker, präzise, geduldig und interdisziplinär. Wenn ihm danach ist, fertigt er Möbel und verkauft sie in Paris für gutes Geld. Lieber noch ist er draußen im Hof, legt Rabatten an und pflanzt Blumen.
Wie passt das zusammen? Eine bohemehafte Distanz zum Luxus und diese Leidenschaft, mit der sich Isaak den Luxuskarossen der Kundschaft widmet? Die Antwort ist einfach: Liebhaberei. „Bei uns geht’s nicht nur ums Business. Wir bieten dem Kunden Maßanfertigung. Wie vor dem Krieg, bevor Ford die Massenproduktion erfunden hat. Davor hat ein Karosserieschmied exklusiv die Karosse gebaut. Als Unikat, auf Maß. Zum Preis einer fetten Villa.“

Isaak Rensing Isaak kam früh zum Blech. Die Eltern sind Goldschmiede und Utopisten, 1984 zogen sie vom Münsterland in den Wald, in die Pyrenäen. Er spricht besser Französisch als Deutsch und begreift Technik intuitiv. Legt er einen neuen Kotflügel an, hat er die Wölbung bereits im Kopf. Das funktioniere besser als mit einem 3-D-Modell. Dieses Jahr übernimmt er die Oldtimer-Werkstatt Haberbusch in Straßburg.

Lieblingswerkzeug ohne Funktion

© Sabina Paries

Isaak Rensing ist da, wenn es für den Oldtimer keine Teile mehr gibt. Er nimmt Maß, fertigt eine Eins-zu-eins-Schablone an und erstellt daraus Ersatz. Blechschäden jeglicher Art beult er aus. Weil ihn das nicht ausfüllt, schmiedet er sich neues eigenes Werkzeug. Er hat hunderte von Hämmern: „Mein liebster ist der ohne Funktion. Er ist einfach zu nichts nutze, aber er gefällt mir.“

„Werkstatt, Auto und Kunde: Das muss passen, denn wir arbeiten in enger Abstimmung. Das ist nicht nur Business!“ (Isaak Rensing)

Mit Liebe zur Qualität

Ein Auto als Kunstobjekt , das Straßburger Münster als Symbol für Unendlichkeit und eine Armbanduhr, die immer nachgeht, als Sehnsuchtsobjekt. Arbeit bekommt eine andere Bedeutung, wenn man sie mit Leidenschaft macht, sich Zeit nimmt.

Sabine Bengel, Isaak Rensing und Felix Lorch sind nicht nur Rädchen im Getriebe. Sie sind aktive Akteure. Spezialisten und Garanten für Qualitätsarbeit.

Wussten Sie … dass die Schwenninger Krankenkasse traditionell auch ein besonderes Verhältnis zur Zeit hat? Im Jahr 1896 wurde sie als Betriebskrankenkasse der renommierten Kienzle Uhren Fabriken GmbH gegründet.
Auch Marc Tortell ist mit Leidenschaft dabei. Spielen Sie Mäuschen und schauen Sie dem deutschen Vize-Meister im Mittelstreckenlauf beim Training über die Schulter.
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