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Die schönsten Liebesbriefe kommen aus dem Herzen

Jeden Tag werden in Deutschland – trotz Whatsapp und Co – rund 60 Millionen Briefe verschickt. Laura Nunziante hat daran einen kleinen Anteil: Die freie Autorin hilft dabei, anderen den Kopf zu verdrehen – als Ghostwriterin für Liebesbriefe.

 

Frau Nunziante, wie wird man denn Liebesbrief-Ghostwriterin?

Während meines Studiums in London war ich auf der Suche nach einem Nebenjob und wollte unbedingt schreiben. Ich habe dann bei Feinereime.de als Ghostwriterin angefangen und anfangs auch noch Gedichte geschrieben. Im Lauf der Zeit wurden die Liebesbriefe immer mehr nachgefragt und irgendwann habe ich dann nur noch Liebesbriefe für die Agentur geschrieben. Mittlerweile bin ich hauptberuflich als freie Autorin tätig, schreibe aber immer noch gerne Liebesbriefe für andere.

 

Wie viele Briefe haben Sie bisher geschrieben?

Schwer zu sagen, sicher mehrere Hundert, zeitweise waren es zwei bis drei pro Woche.

 

Und wie ist Ihre Erfolgsquote?

Das kann ich leider nicht sagen, weil ich nur ganz selten ein Dankeschön bekomme. Die Briefe sind in der Regel ein Türöffner, der Rest entwickelt sich von alleine, damit habe ich dann nichts mehr zu tun. Schreiben ist für mich ein Handwerk. Ich will das gut formulieren und nicht eine Beziehung retten. Das verstehen meine Kunden aber.

 

Streng genommen kleidet sich jemand mit Ihren Worten, beispielsweise um jemanden den Kopf zu verdrehen. Haben Sie kein schlechtes Gewissen?

Nein, letztlich ist das einfach eine Dienstleistung. Mein Gegenüber benötigt eine Formulierungshilfe, damit es beim anderen auch so ankommt, wie es gemeint ist. Wir nehmen bei so vielen Dingen Hilfe in Anspruch. Aber sobald es um Emotionen geht, wird das von manchen kritisch gesehen. Ich würde beispielsweise nie eine wissenschaftliche Arbeit für jemanden schreiben. Mein Auftraggeber macht sich Gedanken über den Inhalt und ich bringe das dann in Form.

 

Gibt es bestimmte Kundentypen?

Drei Viertel sind Männer ab 30, vom Arbeiter bis zum Akademiker ist da alles dabei. Der Großteil sind wirklich tolle Menschen, die einfach Angst haben, etwas falsch zu machen oder sich falsch auszudrücken. Viele denken zunächst, sie könnten das selbst schreiben, aber das ist gar nicht so einfach.

 

Lassen Ihre Kunden Sie einfach drauflosschreiben?

Mein Gegenüber ist für mich wie ein Romancharakter, aus dessen Sicht ich schreibe. Die Inspirationen kommen direkt von meinen Kunden, die mich telefonisch briefen. Jede Liebesgeschichte ist anders und individuell, deshalb gibt es jedes Mal neue Impulse für die Texte. Natürlich achte ich auf eine gewisse Dramaturgie und verwende auch den Duktus meiner Kunden in den Briefen. Die schönsten Liebesbriefe sind letztlich die, die einfach aus dem Herzen kommen.

 

Warum beauftragt man Sie?

Die meisten engagieren mich nach einer Trennung oder während einer Beziehungskrise. Ich bleibe aber relativ distanziert, schließlich bin ich keine Psychologin oder beste Freundin. Manche Kunden schütten mir am Telefon dennoch ihr Herz aus, aber spätestens nach einer Stunde mache ich dann Schluss.

 

Gibt es „Mehrfachtäter“ unter ihren Kunden?

Ja, manche kommen im Lauf der Jahre immer wieder. Für den ein oder anderen habe ich auch schon andere Texte geschrieben, beispielsweise Pressemeldungen.

 

Aber warum schreibt man denn heutzutage überhaupt noch Briefe?

Bei Briefen hat man das Gefühl, dass man sich damit auseinandersetzen muss. Da hat sich jemand Zeit genommen, schönes Papier gekauft, einen langen Text geschrieben und ist dann damit zur Post gelaufen – dem muss man antworten. Anders als bei WhatsApp und Co., wo die Kommunikation sehr schnell und verkürzt ist. Briefe sind wertiger, sie sind etwas Besonderes.

 

Sie setzen sich viel mit Emotionen auseinander – wie wirkt das auf Sie?

Als Person verändert mich der Job nicht so stark. Allerdings kann mich auch nichts mehr schocken, was die Liebe angeht. Ich habe mittlerweile schon eine Menge gesehen. Alles ist möglich, egal was der andere gemacht hat. Es gibt einfach nichts, was es nicht gibt in der Liebe.

 

Was waren Ihre prägendsten Erlebnisse?

Da gibt es einige: Einmal hat ein Vater, dessen Kind verstorben war, mich gebeten, einen Abschiedsbrief für ihn zu schreiben. Das war ein wirklich schwerer Auftrag für mich. Ein anderes Mal hatte mich eine Frau beauftragt, die nach vielen unglücklichen Beziehungen von der Liebe enttäuscht war. Sie erinnerte sich an ihren ersten Freund, mit dem sie ihre schönste Beziehung hatte, und bat mich, einen Brief an ihn zu schreiben. Ob sie wieder glücklich geworden ist, weiß ich allerdings nicht.

 

Was lernen Sie aus Ihrem Job über Ihre Mitmenschen?

Dass jeder Mensch fähig ist zu lieben. Männern wird ganz oft Unrecht angetan, was Gefühle angeht. Die Männer, mit denen ich zusammenarbeite, haben große Emotionen. Sie haben nur Angst davor, etwas falsch zu machen. Es gibt eine ganz tiefe Empfindsamkeit im männlichen Wesen. Die Vorurteile, wie Männer angeblich sind, habe ich durch meine Arbeit abgelegt – das wird ihnen einfach nicht gerecht. Allerdings finde ich es schon schräg, dass manche Männer eine Stunde mit mir reden, aber nicht mit ihren Frauen.

 

Haben Sie schon mal einen Brief geschrieben, mit dem jemand Schluss machen wollte?

Nein, das würde ich auch nicht machen. Das muss derjenige schon selbst erledigen.

 

Und wie steht’s mit einem Liebesbrief in eigener Sache?

Nein, ich selbst schreibe nur Briefe, wenn ich echt sauer bin (lacht).

 

Wenn unsere Leser nun ohne Ihre Hilfe einen Brief verfassen möchten – was raten Sie ihnen?

Ein guter Liebesbrief sollte nicht länger als zwei Seiten sein, sonst wiederholt man sich nur. Vermeiden Sie unbedingt Klischees! Statt von roten Rosen und den Sternen am Himmel zu schwadronieren, gehen Sie lieber auf die von Ihnen verehrte Person ein, beispielsweise was Ihnen an ihr gefällt. So toll Goethe oder Mascha Kaleko auch sein mögen, kopieren Sie möglichst keine anderen Autoren. Ein guter Liebesbrief muss nicht schön, sondern ehrlich sein!

Die gebürtige Westfälin Laura Nunziante studierte Creative Writing an der London Metropolitan University und gewann 2011 den renommierten Sandra Ashman Poetry Award. Im Anschluss arbeitete die 31-Jährige als Journalistin und Werbetexterin. Seit 2013 ist sie als freie Autorin tätig, zunächst in Frankfurt am Main, mittlerweile in Berlin. Im Juni erscheint im Droemer-Knaur Verlag ihr erstes Buch „Salute! Wie ich mit ganz Europa Brüderschaft trank“.
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