Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

Der Eingang der Notaufnahme, Notfallambulanz des Schwarzwald-Baar Klinikums

„Leben retten hat in der Notaufnahme Vorrang“

Dr. Bernhard Kumle ist Direktor der Zentralen Notaufnahme des Schwarzwald-Baar-Klinikums in Villingen-Schwenningen. Wir haben mit ihm über die Herausforderungen im Alltag in der Notaufnahme gesprochen.

 

Herr Dr. Kumle, wie viele Patienten versorgen Sie im Schnitt am Tag?

Dr. Kumle: Wir versorgen durchschnittlich rund 120 Patienten am Tag – je nach Wochentag zwischen 100 und 170. Teils haben wir bis zu fünfzig Patienten gleichzeitig in der Notaufnahme, der Organisationsaufwand ist dann extrem hoch. Jährlich versorgen wir etwa 44.500 Patienten, davon nehmen wir etwa 42 Prozent stationär bei uns auf.

 

Wie ist eine Notaufnahme organisiert?

Dr. Kumle: Wir müssen als Krankenhaus alle Fachgebiete abdecken. In der Notaufnahme sind die Fachdisziplinen Unfallchirurgie, Innere Medizin, Neurologie und Anästhesie rund um die Uhr besetzt. Auch Labor, OP, Intensivstationen und die radiologische Abteilung stehen uns zur Verfügung. Unser Team arbeitet im Dreischichtsystem. Außerdem kann die Mannschaft auf weitere Fachärzte aus allen Disziplinen des Klinikums zurückgreifen. Es gibt klar definierte Abläufe, sodass alle Mitarbeiter schnell und angemessen reagieren können, wenn Notfälle eingeliefert werden.

 

Wie läuft ein Tag in der Notaufnahme ab?

Dr. Kumle: Bei uns fängt der Tag um 7.30 Uhr mit der Übergabe vom Nachtdienst an. Wir besprechen stationäre Neuzugänge und aktuelle Notaufnahmefälle. Ein Teil des Teams versorgt Patienten in unserer Aufnahmestation, die anderen Mitarbeiter kümmern sich um die Patienten in der Notaufnahme. Wir führen eine qualifizierte Notfalldiagnostik durch, leiten die Ersttherapie ein und entscheiden über den weiteren Behandlungsweg – akute Fälle kommen auf die Intensivstation oder direkt in den OP.
In der Notaufnahme geht es primär um lebensbedrohliche Notfälle wie beispielsweise Herzinfarkt oder Schlaganfall. Außerdem sind wir ein überregionales Traumazentrum und versorgen Schwerstverletzte aus einem großen Umkreis. Bei einem schwerverletzten Unfallopfer sind vier Ärzte und drei Pflegekräfte gleichzeitig tätig. Täglich gibt es etwa acht bis zehn solcher Patienten. Um 22.30 Uhr ist dann für die Tagschicht Feierabend und das Nachtteam übernimmt.

 

Dr. Bernhard Kumle, Schwarzwald-Baar Klinikum Zentrale Notaufnahme und Aufnahmestation

Dr. Bernhard Kumle

 

Erinnern Sie sich an einen für Sie persönlich wichtigen Fall?

Dr. Kumle: Ja, die Rettung eines ertrunkenen, unterkühlten Kindes, das wir fast vier Stunden wiederbelebt haben – mit einem Happy End. Nach der Entlassung kam der kleine Patient mit einem breiten Lächeln und Gummibärchen zu uns in die Notaufnahme, um sich zu bedanken. Das war ein sehr schöner Moment für uns.

 

Für solche Notfälle ist die Notaufnahme wichtig, doch manche Patienten kommen mit einem Schnupfen. Wie gehen Sie mit der Diskrepanz um?

Dr. Kumle: Die Aufgabe einer Notaufnahme ist die „Abwendung von Gefahr für Leib und Leben“: Das heißt, wir sind für die Versorgung schwerkranker Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen zuständig. Entsprechend sind wir auch ausgerüstet. Bei uns gibt es hochmoderne Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten, dazu zählen zwei Schockräume mit Röntgen- und Beatmungsanlagen, ein Computertomograph und High-End-Sonographiegeräte.
Das bedeutet auch, dass Patienten mit Bagatellverletzungen bei uns länger warten müssen als zeitkritische Fälle. Es gibt Patienten, die können das nicht nachvollziehen – dabei arbeitet mein Team häufig an den Grenzen der Belastbarkeit. Ich wünsche mir, dass Patienten in solchen Situationen mehr Verständnis mitbringen.

 

Leben retten hat klar Vorrang.

 

Was ist der Grund für den erhöhten Ansturm?

Dr. Kumle: Die Notaufnahme wird zunehmend als Hausarztersatz oder -praxis missbraucht. Im ländlichen Gebiet nimmt die Hausarztdichte weiter ab, neue Patienten werden oder dürfen nicht mehr angenommen werden. Die Erwartungshaltung der Patienten nimmt zu, sie erwarten eine sofortige Rund-um-die-Uhr-Versorgung auf höchstem medizinischen Standard. Das ist eine Entwicklung, die mich erschreckt und die so nicht weitergehen darf. Die Patientenzahl steigt in der Notaufnahme jedes Jahr um fünf bis zehn Prozent. Dem Krankenhaus entstehen aufgrund der Ausstattung und der vielen Fachgebiete hohe Kosten. Der medizinische Standard ist um ein Vielfaches höher als beim Hausarzt. Das Abrechnungssystem für Notfälle entspricht aber dem für Hausärzte – das kann nicht gutgehen.
Eine Studie hat belegt, dass die Kosten für einen ambulanten Fall im Krankenhaus bei rund 130 Euro liegen, der Ertrag aber bei nur 35 Euro. Es fehlen uns also 95 Euro. Für unsere Notaufnahme bedeutet das bei rund 27.000 ambulanten Fällen ein Defizit von etwa 2,5 Millionen Euro im Bereich der ambulanten Abrechnung. Das ist eine Fehlentwicklung, weil wir zu viele Patienten versorgen müssen, die nicht in eine Notaufnahme gehören – denn wegschicken dürfen wir niemanden. Um zu verhindern, dass diese Patienten in der Notaufnahme untersucht und behandelt werden, müssten die Patienten unserer Meinung nach zunächst von einem Haus-, Fach- oder Notarzt gesehen werden. Die Steuerung und Versorgung dieser Patienten liegt bei der kassenärztlichen Vereinigung und damit bei den Haus- und Fachärzten und nicht beim Krankenhaus.

 

Manche Krankenhäuser haben keine Notaufnahme. Woran liegt das?

Dr. Kumle: Insbesondere kleinere Krankenhäuser und Fachkliniken in Großstädten haben keine Notaufnahme. Das kommt aber selten vor. Denn eigentlich muss jedes Krankenhaus eine Notfallversorgung gewährleisten. Allerdings melden sich kleinere Krankenhäuser gelegentlich von der Patientenversorgung ab, weil die Betten alle belegt sind.

 

Nicht jede Verletzung oder Erkrankung ist ein Fall für die Notaufnahme. Wer nachts, an Wochenenden oder Feiertagen einen Arzt benötigt, kann sich unter der kostenfreien Telefonnummer 116 117 an den ärztlichen Bereitschaftsdienst wenden.
24. November 2017
Ich – einfach digital
Was wir online tun, vergisst das Internet nicht. Aber was passiert mit den Informationen,...
1. Dezember 2017
Fünf Kalorienzähler- und Ernährungs-Apps in Vergleich
Abnehmen und gesündere Ernährung mit der Hilfe von Apps? Wir zeigen was sie können.

Schreiben Sie uns Ihre Meinung

Ihre E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem * markiert.

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Ihren Besuch stimmen Sie dem zu.