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Grenzenloser Wille: Thomas Kapapa sitzt im Rollstuhl. Für ihn ist das kein Hindernis. Als Neurochirurg operiert er am Uniklinikum Ulm. Das Bild zeigt den im Rollstuhl sitzenden Thomas Kapapa im weißen Arztkittel.Thomas Kapapa ist Neurochirurg am Uniklinikum Ulm – und sitzt im Rollstuhl. Für ihn kein Hindernis, sondern Ansporn. © Götz Schleser

Warum nicht? Prof. Kapapa überwindet Grenzen.

Im OP-Saal 10 des Universitätsklinikums Ulm spielt Carlos Santana seinen Hit „Maria, Maria“. Fast hört man ihn nicht, denn er spielt leise. So leise, dass das Piepen der Herzfrequenz aus den Monitoren und das Rauschen der Luftabsaugung ihn beinahe übertönen.

Die Schiebetür geht auf und herein kommt Thomas Kapapa, leitender Oberarzt der Neurochirurgie an der Uniklinik. Das Team hilft ihm, sich OP-fertig zu machen. Bei anderen Operateuren bedeutet das: die Handschuhe anziehen.
Bei Kapapa ist der Aufwand ein klein wenig höher, denn er sitzt im Rollstuhl. So bekommt nicht nur er die Handschuhe, sondern auch die Armlehnen seines Rollstuhls sterile Kunststoffstulpen übergezogen. Alle sind bereit. Ein Meister seines Fachs muss den Saal nun allerdings verlassen: „Jetzt bitte die Musik ausmachen. Danke!“, sagt Kapapa freundlich. Dann drückt er auf einen Knopf an seinem Rollstuhl – und der richtet den Oberarzt für die anstehende Operation auf.

Deutschland als Chance

Professor Kapapa bereitet sich auf den OP vor. Sein roter Spezialrollstuhl ist zu sehen.

© Götz Schleser

Dass Thomas Kapapa heute hier operieren kann, ist eine Geschichte aus unserer Zeit und unserer Gesellschaft. Begonnen hat sie schon vor Kapapas Geburt: Seine Eltern lernten sich in Deutschland kennen, als sie hier ihre medizinische Ausbildung absolvierten. Die Mutter wurde Krankenschwester, der Vater Psychiater.

Nach ihrer Ausbildung kehrten sie nach Malawi zurück. Von 1964 an herrschte dort knapp 30 Jahre lang Hastings Kamuzu Banda in einem Einparteiensystem über das Land. Ende der 1970er Jahre legte Bandas Partei Thomas’ Vater – seines Zeichens erster Psychiater Malawis – politisches Mitwirken nahe. „Mein Vater hat daran gedacht, wie Teile der Medizin in den 1940er Jahren in Deutschland politisch instrumentalisiert wurden, und hat sich deshalb geweigert. Als der politische Druck auf ihn immer größer wurde, sind wir nach Deutschland geflohen“, sagt Kapapa. Gelandet ist die Familie in Ostfriesland.

Ein Leben im Rollstuhl

Schon damals saß Thomas Kapapa im Rollstuhl. „Ich habe Gefühl in den Beinen und auch ein wenig Kraft. Woran es liegt, dass ich nicht laufen kann, weiß man nicht. Man könnte jetzt mit großem Aufwand versuchen, irgendwie an meine Krankenakten aus den 1970er Jahren in Malawi ranzukommen, aber für mich ist das gar nicht wichtig. Der Rollstuhl gehört zu mir und zu meinem Leben“, sagt Kapapa. „Ich sehe ihn auch nicht als Einschränkung. Ich kenne es ja nicht anders, deshalb schränkt mich der Rollstuhl auch nicht ein.“

Kaum zu überbrückende Barrieren gebe es dennoch. Die sehen allerdings anders aus, als man sie sich vorstellt: „Es sind keine Treppen oder Absätze in öffentlichen Gebäuden, sondern Meinungen, Vorstellungen und Vorurteile. Die größten Hindernisse in meinem Leben bestehen in den Köpfen anderer.“ Der Satz klingt trotzig, aber wer Kapapa sprechen hört, weiß, dass es ihm nicht darum geht anzuklagen, sondern zu verändern.

Die größten Hindernisse in meinem Leben bestehen in den Köpfen anderer.

Vorurteile widerlegen

Zum ersten Mal auf diese Barrieren gestoßen ist er in seiner Kindheit: „Ich bin in einem sehr behüteten familiären Umfeld groß geworden. Gleichzeitig war die Schulzeit – in den 80er Jahren als dunkelhäutiges Kind im Rollstuhl auf einer Regelschule – schon eine Herausforderung. Vor allem, weil ich damals immer wieder zwei extremen Einstellungen ausgesetzt war. In einer Schulstunde hieß es zu mir: Das musst du besser können als die anderen, um zurechtzukommen im Leben. In der nächsten Stunde hieß es dann: Ach, lass das. Das schaffst du sowieso nicht.“ Letzteres überwog allzu oft und so sagten die Lehrer zu Beginn der Orientierungsstufe: Thomas Kapapa gehört ganz klar auf die Hauptschule. Nur dem Engagement seines Vaters war es zu verdanken, dass er letztlich doch auf dem Gymnasium landete.

Lebensgeschichte und Leidenschaft sind bei Prof. Kapapa eng miteinander verflochten – so wie bei Reinhard „Cäsar“ Spöring, Gründer des Bremer Straßenmagazins „Die Zeitschrift der Straße“. Seine Geschichte gibt es hier zum Nachlesen.

Meister seines Fachs

Professor Kapapa beim Operieren.

© Götz Schleser

Im OP-Saal stehen einige Medizinstudierende abseits und schauen sich die Operation auf Monitoren an, am OP-Tisch steht Thomas Kapapa gemeinsam mit einem Kollegen. Ihm überlässt er heute die wichtigsten Schritte und Schnitte. So bleibt Kapapa diesmal mehr Zeit für Erklärungen: Die Patientin hat eine Trigeminusneuralgie, die starke Schmerzen im Gesicht verursacht. Direkt am Trigeminusnerv sitzt eine Arterie, die mit jedem Pulsschlag auf den Nerv drückt. „Wir bahnen uns jetzt den Weg am Kleinhirn vorbei zu diesem Nerv und nehmen dort eine mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta vor. Das heißt: Wir trennen den Nerv von der Arterie und setzen Abstandhalter ein.“
Er erklärt Medizinisches genauso wie Technisches: wie der Hudson-Bohrer für den Schädelknochen funktioniert, wie man mit der hochmodernen Neuronavigation einen sicheren Weg durchs Gehirn findet und wieso sie für die Operation heute auf das OP-Mikroskop setzen.

Neurochirurg aus Leidenschaft

Er bleibt freundlich und ruhig – und findet immer wieder zustimmende Worte für die Arbeit des Kollegen: „Ja, das sieht sehr gut aus.“ Kapapa sagt offen: Ohne die ermutigenden Worte anderer wäre er kein Neurochirurg geworden.
Er begann sein Medizinstudium in Hannover und wusste noch nicht, wo alles enden sollte. „Schon ziemlich früh hat mich die Neurochirurgie am meisten fasziniert: Wir Menschen haben überall Nerven – und überall können Neurochirurgen helfen. Teilweise sehr schnell und lebensverändernd.
Der Patient, der mit einem Bandscheibenvorfall, vielleicht sogar mit einer Lähmung, operiert wird, dem geht es wenige Stunden später deutlich besser“, sagt Kapapa. „Außerdem geht es in der Neurochirurgie sehr stark auch um das Zwischenmenschliche: Der Neurochirurg muss auf die Menschen und ihre individuelle Situation eingehen. Feinabstimmung und Empathie sind nötig.

Im Studium habe ich gedacht: Genau das bin ich. Das will ich tun. Aber ich habe auch gewusst: In meiner Situation ist Chirurgie eigentlich unmöglich. Deshalb gab es viele Momente, in denen ich den für einen Rollstuhlfahrer einfacheren Weg einschlagen und Neurologe oder Kardiologe werden wollte“, sagt Kapapa. Damit hätte er sich um Nerven und Herz seiner Patienten gekümmert, ohne operieren zu müssen.

Probieren geht über studieren

Damals lehrte einer der besten Neurochirurgen in Hannover und Kapapa dachte sich – auch wenn es nichts wird mit der Chirurgie –, ich schnuppere einfach mal rein. Was folgte, war eine Welle des Zuspruchs: Ärztinnen und Ärzte, Kommilitonen und Lehrende – von allen Seiten hörte er: „Gut, dass du das ausprobierst. Wenn es irgendwo hakt, finden wir gemeinsam eine Lösung.“

Die Menschen sahen den talentierten Medizinstudenten Kapapa – und nicht den eingeschränkten Rollstuhlfahrer Kapapa. Zu jener Zeit hat er auch den Spezialrollstuhl bekommen. „Das war die Idee eines damaligen Oberarztes“, sagt Kapapa. „Der meinte: Du kennst doch diese Aufricht-Rollstühle, die unsere Traumapatienten gelegentlich bekommen. Wir lassen einfach mal einen kommen und probieren aus, ob du damit auch während einer OP stehen kannst.“

Kreative Lösungen

Es gab zwar schon vor Kapapa Chirurgen, die im Rollstuhl saßen. Diese sind allerdings meist erst später im Leben – etwa nach einem Unfall – darin gelandet. Eine Ausbildung zum Operateur im Rollstuhl war für alle Neuland. „Es gab gerade am Anfang viele Momente, bei denen ich gedacht habe: Für dieses oder jenes Problem finden wir nie eine Lösung. Aber jedes Mal konnte ich mich auf die Kreativität des Teams verlassen. Jedes Mal haben wir gemeinsam eine Lösung gefunden. Das ist auch heute noch so. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mit Menschen zusammenarbeiten darf, die begeisterungsfähig sind und sich Veränderungen nicht in den Weg stellen, sondern sie vorantreiben.“

Auch Silke Kettner begegnet schwierigen Situationen mit Kreativität. Als Klinik-Clown zaubert sie kranken Kindern ein Lächeln ins Gesicht.

Den richtigen Nerv treffen

Auch in Ulm, wo er seit 2005 arbeitet, kann er sich auf seine Kolleginnen und Kollegen stützen. Seit rund einer Stunde bahnen sich Kapapa und sein Team den Weg zum Trigeminusnerv. An die angehenden Ärztinnen und Ärzte gewandt sagt er: „Hinzukommen dauert bei dieser Operation am längsten. Irgendwann hat man das Gefühl: Das wird ja nie was. Aber man muss einfach nur geduldig weitermachen.“ Dann ist der Nerv zu sehen. Vorsichtig trennt Kapapas Kollege den Nervenstrang von der Arterie. Millimeter für Millimeter.

Kapapa erklärt jetzt etwas weniger, schaut konzentriert zu. Gelegentlich hat er eine Bitte an eine der Assistentinnen im OP. Immer freundlich, nie hektisch – und nie von oben herab. Der Schnitt ist geschafft und auch die Abstandkissen aus Zellulose sind angebracht. „Das war’s. Sehr gut gemacht“, sagt Kapapa. „Kann ich zurückfahren?“ Eine Assistentin verlegt rasch ein Kabel und gibt ihm grünes Licht. „Vielen Dank“, sagt er zu ihr – und dann in die Runde: „Vielen Dank an alle!“

Seit 2005 arbeitet Kapapa als Neurochirurg am Universitätsklinikum Ulm.Die Operationen dauern oft mehrere Stunden. Das ist körperlich anstrengend und verlangt höchste Konzentration.Ohne Teamwork läuft im OP-Saal nichts. Kapapa und sein Team sind bestens eingespielt.

Herausforderungen gemeinsam meistern

Dankbarkeit ist ein großes Motiv in Kapapas Leben. Er betont in Gesprächen oft, wer ihn wann besonders unterstützt hat. Es sind nie Floskeln, sondern immer ganz konkrete Beispiele, die er nennt. Der Münchner Chirurgiekollege, der ihn nach einem schweren Sturz aus dem Rollstuhl operiert hat, genauso wie die Physiotherapeutin, die ihn hinterher sechs Monate lang wieder fittrainiert hat. Natürlich seine Frau, die er im Studium kennengelernt hat und die ihm seitdem zur Seite steht, wenn er – wie er selbst sagt – immer wieder versucht, seine Grenzen neu zu setzen.

Und er ist dankbar gegenüber seinen Vorgesetzten, allen voran seinem jetzigen Chef, dem Direktor der Klinik für Neurochirurgie am Uniklinikum, Rainer Wirtz. „Auch Professor Wirtz war am Anfang skeptisch. Aber er war vor allem offen und hat direkt angesprochen, wo er seine Bedenken hat. Diese Offenheit ist wichtig, weil sie mir zeigt, dass die Menschen sich bei einer Herausforderung nicht wegducken wollen, sondern wirklich etwas verändern“, sagt Kapapa.

Offene Gesellschaft

Dankbarkeit verspürt Kapapa auch gegenüber der Gesellschaft, in der er lebt. „Ich bin davon überzeugt, dass ich mich als der Mensch, der ich eben bin, nur in unserer Gesellschaft verwirklichen konnte. Vom dunkelhäutigen Flüchtlingskind im Rollstuhl zum Neurochirurgen – sowas ist woanders undenkbar. Ja: Unsere Gesellschaft hat ihre Makel. Und ja: Auch in unserer Gesellschaft gibt es noch die angesprochenen Barrieren in den Köpfen. Aber es gibt eben auch sehr viel Gutes.“

Ein Beispiel sei der Umgang mit Menschen mit Behinderung. Er sei noch nie so oft gefragt worden, ob man ihm helfen könne – etwa beim Umsteigen vom Autositz in seinen Rollstuhl. „Eigentlich brauche ich keine Hilfe, aber ich freue mich trotzdem immer darüber. Die Menschen – junge ebenso wie alte – gehen offener aufeinander zu. Vor 20 Jahren war das noch nicht so. Das fühlt sich gut an.“

Unterstützung für Malawi

Auch wenn er gerne in dieser Gesellschaft lebt, hat er seine Wurzeln nicht vergessen. „Meine Mutter lebt mittlerweile wieder in Malawi – und sie wünscht sich, dass ich jeden Urlaub dort verbringe“, sagt Kapapa lachend.

Zurzeit versucht er tatsächlich öfter dort zu sein. Vor allem, weil er seit 2017 ein Projekt am Universitätskrankenhaus in Blantyre vorantreibt: den Aufbau und Ausbau der dortigen Neurochirurgie. „Vor 2017 gab es in Malawi einen Neurochirurgen – für rund 18 Millionen Einwohner. Selbst wenn es ein Nischenfach ist: Auch in einem Entwicklungsland gibt es viele Patienten, die auf die Neurochirurgie angewiesen sind. Bis heute können viele Menschen dort nicht adäquat oder gar nicht behandelt werden.“
Heute schulen sein Team und er in Malawi Neurochirurgen, spezialisieren das Krankenhauspersonal für die Anforderungen der Neurochirurgie und motivieren Studierende, sich zu Neurochirurgen ausbilden zu lassen. „Wir wollen dort nicht selbst operieren, sondern unsere Kompetenzen weiterreichen und vor allem zeigen: Wenn man sich anstrengt, kommt man am Ende gemeinsam an ein gutes Ziel.“ Wer sollte das besser wissen als er selbst?

Thomas Kapapa gibt sein Wissen in seinem Heimatland weiter. Aber wie funktioniert Lernen eigentlich? Elsbeth Stern ist Professorin für Lehr-Lern-Forschung und weiß, wie das Oberstübchen tickt. Hier weiterlesen.
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