Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

Inklusion: Das Bild zeigt drei junge Frauen, die auf einer Decke im Grünen sitzen.Annamaria, Audrey und Felja (von links) bei einem der gemeinsamen WG-Ausflüge. © Steffen Müller-Klenk

Inklusion: Willkommen in der inklusiven WG

Wer hat meinen Joghurt gegessen? Geht’s vielleicht auch ein bisschen leiser? Und das Bad müsste auch wieder geputzt werden … Der WG-Alltag kann anstrengend sein. Unvergessliche Momente bei gemeinsamen Aktivitäten machen das jedoch wieder wett. Aber wie sieht der Alltag in einer inklusiven WG aus?

Betritt man die Vier-Zimmer-Wohnung im Stuttgarter Süden, wirkt sie auf den ersten Blick wie eine ganz normale Studierenden-WG. Annamaria, Audrey und Felja haben es sich gemütlich eingerichtet: alte Holzmöbel in der Küche und im Essbereich, eine Sitzecke mit ein paar Sofas, die zum Ausspannen einladen. An den Wänden hängen Abzüge von Fotografien, die Felja gemacht hat. Vom großen Balkon aus hat der Besucher einen schönen Blick auf den geräumigen Innenhof und die umliegenden Häuser.
Und wer vom Trubel der Großstadt abschalten will, erreicht schon nach ein paar Minuten Fußmarsch den bewaldeten Stadtrand. Also alles in allem eine ganz normale WG, oder? Auf den zweiten Blick vielleicht nicht ganz: Felja kam als Frühchen zur Welt, sie erlitt damals Gehirnblutungen und einen Schlaganfall. Das hat ihre Entwicklung und Lernfähigkeit stark beeinträchtigt. Sie ist im Pflegegrad vier eingestuft, benötigt eine gewisse Betreuung, kann aber stundenweise allein in der Wohnung sein. Für den Fall der Fälle ist immer jemand von ihrer Familie, die im selben Haus wohnt, erreichbar.

Inklusion: Das Bild zeigt ein Portrait einer jungen Frau, die eine Digitalkamera in der Hand hält.

Fotografieren ist eines von Feljas Hobbys. © Steffen Müller-Klenk

Für die 21-Jährige ist das aber kein Grund, nicht auf eigenen Füßen stehen zu wollen. Nach dem Besuch der Waldorfschule arbeitet sie nun in einer Werkstatt des bhz Stuttgart e. V., eines Trägers für Angebote für Menschen mit Behinderung. Und seit mittlerweile zwei Jahren lebt sie in der inklusiven Wohngemeinschaft mit zwei Studentinnen. Das Wohnprojekt entstand auf Initiative von Feljas Mutter Anke Simon-Löffler. Sie wohnt mit ihrem Mann und zwei weiteren Kindern im selben Haus. Als 2018 eine Wohnung im Haus frei wurde, ergriff sie die Gelegenheit, dort eine inklusive WG zu gründen. So kann Felja familiennah, aber selbstbestimmt leben. Ein Wunsch, den viele Menschen mit Behinderung haben – und schließlich gehört das zum Erwachsenwerden dazu.

 

Keine Langeweile in der inklusiven WG

Inklusion: Das Bild zeigt das Regal in Feljas zimmer.

© Steffen Müller-Klenk

Lässt es die Zeit zu, frühstücken Annamaria, Audrey und Felja morgens gemeinsam, bevor sie zu Arbeit und Studium aufbrechen. Kommt Felja nachmittags per Fahrdienst von ihrer Arbeit nach Hause, ruht sie sich meist erstmal aus und verbringt etwas Zeit am Computer. Abends kochen und essen die drei jungen Frauen dann gemeinsam. Ein Highlight ist das monatliche WG-Wochenende, an dem sie zusammen Ausflüge machen, Flohmärkte besuchen oder schwimmen gehen. Darüber hinaus trifft sich Felja dreimal in der Woche mit Freizeitbegleitern, die sie in den Chor oder zu Konzerten begleiten. Und die Eltern und ihre Geschwister sind ja auch nur ein paar Treppenstufen entfernt. Langeweile kommt also so schnell nicht auf.

Und wie klappt das Zusammenleben in der WG? „Einwandfrei“, findet Felja. Ihre Mitbewohnerin Annamaria, die auch seit zwei Jahren in der WG wohnt, kann das bestätigen: „Wir verstehen uns wirklich gut. Am Anfang war die Unterstützung noch intensiver, aber Felja hat sich in den vergangenen Monaten enorm weiterentwickelt“, erzählt sie. „Vieles macht sie mittlerweile allein, beispielsweise das Frühstück oder ihre Wäsche.“ Trotz der gemeinsamen Zeit und Unterstützung haben Annamaria und Audrey aber noch ausreichend Privatsphäre. „Wenn wir mal unsere Ruhe haben wollen, ist das kein Problem“, betont die angehende Lehrerin. „Es kann dann trotzdem mal vorkommen, dass Felja einfach so in unsere Zimmer kommt. Aber immerhin klopft sie dann vorher“, lacht sie. Für die 22-Jährige ist das nichts Neues, schließlich hatte sie ihren Bundesfreiwilligendienst (BFD) auf einem Bauernhof mit Menschen mit Behinderung absolviert. Daher kam auch ihre Motivation, während ihres Studiums in die inklusive WG zu ziehen, auf die sie über eine Anzeige aufmerksam geworden ist.

Inklusion: Das Bild zeigt zwei Frauen, die in einem Arbeitszimmer stehen und eine Frau, die am Schreibtisch sitzt.

In der Stuttgarter WG bei Audrey, Annamaria und Felja (von links) gibt es immer etwas zu lachen. © Steffen Müller-Klenk

Bundesweites Netzwerk

Damit Interessenten geeignete WGs künftig schneller finden,  gibt es das Netzwerk WOHN:SINN, zu dem auch die Wohngemeinschaft in Stuttgart gehört. Das bundesweite Bündnis möchte die Wohnsituation von Menschen mit Behinderung verbessern, indem es inklusive Wohnformen bekannter macht und Interessenten bei der Gründung unterstützt. Wie vielseitig die Wohnprojekte im Netzwerk sind, zeigt das Beispiel München. Dort wohnt und studiert WOHN:SINN-Gründer Tobias Polsfuß. In seiner WG leben fünf Menschen mit, vier ohne Behinderung. Ein bunter Haufen, darunter ein Philosophiestudent und Parkour-Trainer, eine Lehramtsstudentin sowie eine Heilerziehungspflegerin in Ausbildung.

„Wir sind keine Ersatzeltern, eher Geschwister auf Augenhöhe.“ Tobias Polsfuß

Eine Mitbewohnerin macht derzeit eine Ausbildung in einem inklusiven Theater, ein anderer arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Tagsüber unterstützen zusätzlich noch zwei Sozialpädagogen und eine Teilnehmerin am Freiwilligen Sozialen Jahr die WG. Jeder hat ein eigenes Zimmer, es gibt einen großen Gemeinschaftsbereich sowie einen kleinen Ruhebereich.
Polsfuß und seine nichtbehinderten Mitbewohner wohnen mietfrei, haben sich im Gegenzug aber dazu verpflichtet, die Nachtbereitschaft zu übernehmen, bei Arztbesuchen, im Haushalt oder bei der Pflege zu helfen sowie zusammen ins Kino zu gehen oder gemeinsame Ausflüge zu unternehmen. Finanziert wird das Ganze, indem die Bewohner mit Behinderung, die ihre Unterstützung aus den Mitteln der Pflegeversicherung und Eingliederungshilfe erhalten, davon die Miete der Mitbewohner übernehmen und gegebenenfalls noch Fachkräfte bezahlen. Ein gängiges Modell, das viele inklusive WGs so praktizieren.

Keine Ersatzeltern

Inklusion: Das Bild zeigt eine Gruppe Menschen, die an einem Tisch sitzen.

Bevor er 2016 WOHN:SINN gründete, besuchte Tobias Polsfuß (dritter von links) inklusive WGs in ganz Deutschland. Hier war er auf Stippvisite in Bremen. © Daniela Buchholz

Auch in München funktioniert das Zusammenleben gut: „Bei uns geht es immer sehr gesellig zu. Wir unternehmen viel gemeinsam, spielen Karten, schauen Filme zusammen oder trinken ein Bierchen auf der Terrasse“, erzählt Polsfuß. „Ganz so wie in anderen WGs auch.“
Eitel Sonnenschein herrscht aber auch nicht immer, betont Polsfuß: „Meine Mitbewohner mit Behinderung zeigen teils auch schon mal eine klare Kante, wenn ihnen etwas nicht passt. Wenn ihnen beispielsweise deine Musik nicht gefällt, dann stellen sie sie auch einfach mal ab“, schmunzelt Polsfuß. „Viele meiner Mitbewohner mit Behinderung haben eine besondere Weise, auf die Welt zu schauen. Mein Mitbewohner Hannes lebt eigentlich immer im Hier und Jetzt. Für mich, dem immer tausend Dinge gleichzeitig im Kopf umherschwirren, ist das ungemein erdend und entschleunigend.“ Sensibilität und Verantwortungsbewusstsein sind für ihn elementare Eigenschaften, die man in eine inklusive WG mitbringen muss. Und man sollte einen Sinn für Gemeinschaft haben. „Wir sind aber keine Ersatzeltern, eher Geschwister auf Augenhöhe“, betont er.

Alles begann in Athen

Als sich Tobias Polsfuß 2012 auf den Weg nach Athen machte, um dort für einen europäischen Freiwilligendienst in einer Tagesstätte für Menschen mit Behinderung zu arbeiten, ahnte er noch nicht, was sich daraus entwickeln würde. Für ihn war es die erste Berührung mit dem Thema. „Wenn es keinen Menschen mit Behinderung in der Familie oder im Umfeld gibt, haben wir in der Regel auch keine Kontakte zu ihnen“, erzählt der gebürtige Landshuter. „Menschen mit Behinderung wohnen meist in eigenen Einrichtungen, sind in eigenen Schulen oder Arbeitsstätten untergebracht und haben sogar eigene Fahrdienste. Deshalb leben wir oft aneinander vorbei.“

Inklsuion: Das Bild zeigt eine Pinnwand mit Zetteln. In der Mitte steht "WG-Bremen Blogartikel".

© Daniela Buchholz

Zurück in Deutschland, war er „angefixt“, wie er selbst sagt. Zum Beginn seines sozialwissenschaftlichen Studiums in München zog er in die inklusive WG. „Wenn in unseren vier Wänden das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung so gut funktioniert, warum gibt es dann nicht viel mehr inklusive WGs?“ Dieser simple Gedanke motivierte Polsfuß. Um sich einen Überblick über das Angebot an Wohnformen zu verschaffen, besuchte er WGs in ganz Deutschland.

„Die WG ist für mich ein echtes Zuhause geworden.“ Tobias Polsfuß

2016 gründete er dann WOHN:SINN. Die Online-Plattform informiert als einzige Webseite umfassend über inklusive Wohnformen, gibt Einblick in den Alltag der Wohnprojekte und macht auf freie Zimmer aufmerksam. Darüber hinaus beraten und unterstützen Polsfuß und sein Team Interessenten bei der WG-Gründung und veranstalten Workshops zum Thema. Auch Feljas Mutter Anke Simon-Löffler hat davon profitiert: „Das war am Anfang schon eine wichtige Hilfestellung für uns. Ein inklusives Wohnprojekt zu gründen, ist gar nicht so ohne. Das Hauptproblem ist es, passenden Wohnraum für eine große WG zu finden.“ Menschen mit Behinderung haben es auf dem ohnehin umkämpften Wohnungsmarkt ungleich schwerer, viele Vermieter scheuen sich vor dem Thema. Erschwerend kommt hinzu, dass ältere Wohnungen meist nicht barrierefrei sind.

Wie gut wissen Sie über Inklusion Bescheid? Testen Sie es in unserem Quiz.

Zukunftspläne

Für Felja stellt die aktuelle WG einen guten Übergang von der Familie in die Selbstständigkeit dar. In Zukunft würde sie gerne ein größeres Wohnprojekt ausprobieren, vielleicht sogar außerhalb der Stadt. Auch Tobias Polsfuß hat noch ehrgeizige Pläne – er will das Netzwerk ausbauen, dessen Angebote weiterentwickeln und in Bremen, Dresden und Köln Regionalstellen eröffnen, um dort Weiterbildungen und die individuelle Begleitung von Projekten anbieten zu können.
Arbeit gibt es also genug. Will er die denn weiterhin aus seiner WG bewältigen oder hat er nach mittlerweile sieben Jahren inklusivem Wohnen Lust auf einen Tapetenwechsel? Polsfuß lacht: „Aktuell gefällt es mir hier wirklich gut. Die WG ist für mich ein echtes Zuhause geworden. Nach einem stressigen Tag kann ich hier wunderbar abschalten. Ich fühle mich in dieser Gemeinschaft geborgen.“ Felja, Annamaria und Audrey geht das in Stuttgart ganz ähnlich. Aus dem Wohnprojekt ist für sie ein Zuhause geworden – eben eine ganz normale Wohngemeinschaft.

WG-Gründer gesucht

Spielen Sie mit dem Gedanken, eine inklusive Wohnform für Menschen mit Behinderung zu gründen? Zum Kick-off der Regionalstellen von WOHN:SINN in München, Köln, Dresden und Bremen stellen die Berater von WOHN:SINN sich und ihr Workshop-Angebot in einer Online-Veranstaltung vor. Wann? Am 4. November 2020 von 16 Uhr bis 18.30 Uhr. Mehr Informationen hier.

Lesetipp: Pflege ist immer Herzenssache – findet auch Nicole Braun, Leiterin Pflege bei der Pflegekasse der Schwenninger Krankenkasse. Lesen Sie das Interview hier.

 

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