Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

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Sophie Marie Curley bereitet sich seit kurzem im bhz Stuttgart auf ihr Berufsleben vor. Foto: Steffen Müller

Im grünen Bereich

Schule, Ausbildung und dann der Wunschjob. Klingt normal? Ist es für Menschen mit Behinderung aber keineswegs. Sophie Marie Curley und Veronika Mager kennen das Auf und Ab bei der Berufsvorbereitung.

Auf den ersten Blick sind es nur zwei Glasröhren mit grünen und roten Bällen, die etwas unscheinbar neben dem Eingang im bhz in Stuttgart stehen. Für Sophie Marie Curley und ihre Kollegen, die sich hier montags bis freitags auf das Berufsleben vorbereiten, sind die beiden Glasröhren jedoch etwas mehr: Am Ende des Tages können sie mit den Bällen darüber abstimmen, ob sie mit dem Tag zufrieden waren oder nicht – grün heißt ja, rot nein.

Was der Tag für sie bringen wird, ist für Sophie Marie Curley kurz vor acht Uhr morgens noch nicht absehbar. Die 21-Jährige mit britisch-irischen Wurzeln ist erst seit kurzem in der Werkstatt für behinderte Menschen und sammelt dort ihre ersten Arbeitserfahrungen: Morgens kümmert sie sich um die Spülmaschine, putzt und deckt Tische und Stühle. Danach backt sie Kuchen oder lernt nähen. Nach der Mittagspause montiert sie an der Kniehebelpresse Lager für ein Unternehmen. „Es ist toll hier, vor allem die Arbeiten an der Nähmaschine machen mir viel Spaß. Mit der Kniehebelpresse kann ich mich allerdings noch nicht so richtig anfreunden“, schmunzelt Curley.

Gemeinsam mit ihrer Betreuerin Tanja Auer (links) backt die 21-Jährige regelmäßig Kuchen. Foto: Steffen Müller

Sprungbrett ins Berufsleben

Auf der Suche nach der richtigen beruflichen Zukunft hat Sophie Marie Curley bereits einige Stationen hinter sich: Nach der Sonderschule absolvierte sie in einem Mehrgenerationenhaus erste Praktika im Garten und Hauswirtschaftsbereich. Über einen Zwischenstopp bei der „Neuen Arbeit“ wechselte sie schließlich ins bhz. Nach zwei kurzen Schnupperpraktika in verschiedenen Bereichen der Einrichtung fiel ihre Entscheidung auf den Berufsbildungsbereich im Stadtteil Möhringen. Dort wird zunächst drei Monate lang geprüft, welche Stärken und Interessen sie hat und wo sie Unterstützung benötigt. Danach wird sie auf ihren Wunsch-Job vorbereitet. „Hier habe ich bessere Chancen, ein Praktikum außerhalb des bhz zu finden – mit Hilfe meiner Bildungsbegleiterin Frau Auer“. Gemeint ist Tanja Auer, Bildungsbegleiterin im bhz und Betreuerin von Sophie Marie Curley. Gemeinsam mit ihr plant sie, welche Praktika Curley innerhalb oder außerhalb des bhz ausprobiert. Beispielsweise ist sie einmal pro Woche für ein Praktikum außerhalb der Werkstatt in einer Küche tätig und lernt dort alle wichtigen Handfertigkeiten.

„Wir wollen Menschen mit Behinderung beteiligen, sie fragen, was sie möchten, und ihnen Wahlmöglichkeiten bieten“, erklärt Tanja Auer. „Am Ende des Tages sollen sie zufrieden sein. Und in Gruppen- oder Stresssituationen biete ich Unterstützung an.“ Für Curley, die sich mit sozialen Kontakten manchmal etwas schwer tut, ist das besonders wichtig. „Es wäre schön, hier Freunde zu finden und nette Kollegen kennenzulernen“, erzählt sie. „Außerdem möchte ich einen Arbeitsplatz, an dem ich mich wohl fühle und der Chef freundlich ist. Dann wäre ich zufrieden.“

Volle Konzentration: Nähen lernen macht ihr besonders viel Spaß. Foto: Steffen Müller

Mittendrin statt nur dabei

Damit Menschen mit Behinderung ein normales Leben führen können und im Idealfall sogar einen Job außerhalb der Werkstatt finden, wurde das bhz vor mehr als vierzig Jahren gegründet. An mittlerweile 13 Standorten werden im bhz rund 400 Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen beschäftigt und betreut.

Hier finden auch Menschen, die einen Unfall oder eine schwere Krankheit hinter sich haben, einen Platz. Vom jeweiligen Kostenträger – entweder die Agentur für Arbeit oder die Deutsche Rentenversicherung – erhält das bhz dann für jede Person einen Tagessatz mit der Auflage, eine passende Tätigkeit zu finden oder zu schaffen. „Das läuft bei uns anders als auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt“, erklärt Leonie Seidel, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit und Assistenz der Geschäftsführung des bhz. „Normalerweise hat man eine offene Stelle und sucht dann einen passenden Arbeitnehmer. Wir hingegen haben einen potenziellen Arbeitnehmer und müssen eine Tätigkeit suchen, die sie nicht überfordert und ihnen Spaß macht. Unser Berufsbildungsbereich muss deshalb alles anbieten und abdecken.“

Die Bandbreite reicht von Montage- und Verpackungstätigkeiten über Garten- und Landschaftspflege, Hauswirtschaft bis hin zu PC-Service und Elektrotechnik sowie kreativen Arbeiten. In der Stammwerkstatt Fasanenhof mit rund 160 Beschäftigten liegt der Schwerpunkt auf industrieller Fertigung, etwa für Bosch und Unternehmen im Bereich Medizintechnik. Außer den Arbeitsstellen im Haus bietet die Einrichtung auch Arbeitsplätze in Unternehmen und Organisationen sowie Wohnangebote. „Unser Arbeitsmarkt wird immer komplexer, Maschinen übernehmen mehr und mehr einfache Tätigkeiten. Der Markt bietet nicht viel Platz für Menschen mit Behinderung“ erklärt Seidel. „Deshalb bieten wir mit diesen betriebsintegrierten Arbeitsplätzen ein Zwischending an. Menschen mit Behinderung können in normalen Firmen arbeiten, sind aber dennoch beim bhz angestellt und erhalten von uns Betreuung.“

Weil das Leben glücklicherweise nicht nur aus Arbeit besteht, bietet das bhz auch noch Freizeiten sowie verschiedene Gruppenangebote an, etwa Schwimmen, Klettern oder Malkurse. Auch ausgefallene Wünsche werden bedient – wer will, kann sich beispielsweise über Haie fortbilden. „Uns ist es wichtig, alle Menschen normal zu behandeln und sie beispielsweise auch zu siezen, wenn sie das möchten“, betont Leonie Seidel. „Bei uns erhält jeder so viel Betreuung wie nötig, aber auch so viel Eigenständigkeit wie möglich.“

Veronika Mager empfängt die Besucher im Standort Fasanenhof. Foto: Steffen Müller

Odyssee ans Ziel

Eine, die bereits Arbeitserfahrungen vorweisen kann, ist Veronika Mager. Seit einer Encephalitis-Erkrankung im Alter von 15 Jahren ist sie teilweise an den Beinen gelähmt und sieht schlecht. Zurzeit macht sie ein Übernahmepraktikum an der Information im bhz-Standort Stuttgart-Fasanenhof. Dort empfängt sie Besucher und leitet die eingehenden Anrufe weiter. Außerdem kümmert sie sich um die Verteilung der Essensmarken für die Werkstattabteilungen und die Ausgabe für Schlüssel der bhz-Fahrzeuge. „Mir gefällt der Job hier. Ich bin gerne mit Menschen zusammen, außerdem arbeite ich gerne am Computer“, strahlt die 29-Jährige.

Zwei Tage in der Woche kann sie während der Arbeitszeit zur Krankengymnastik gehen. Zudem engagiert sie sich im Arbeitskreis der Öffentlichkeitsarbeit des bhz, für den sie Fragen von Besuchergruppen beantwortet und Einblicke in ihren Alltag gibt. Für sie eine gute Gelegenheit, Barrieren abzubauen: „In Summe wird schon Rücksicht in unserer Gesellschaft genommen. Manchmal wäre es mir aber lieber, wenn die Menschen sich trauen würden, mich anzusprechen, anstatt nur zu gucken. Gleichaltrigen oder jüngeren Personen fällt das in der Regel leichter.“

Nach Ihrer Erkrankung absolvierte sie eine dreijährige Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation. Dauerhaft Fuß fassen konnte sie jedoch nicht auf dem Arbeitsmarkt. Nach zahllosen Bewerbungen erhielt sie schließlich nach einem Tipp aus dem Bekanntenkreis die Chance für eine Probewoche im bhz. Mit Erfolg: Sie kam fest in den Berufsbildungsbereich. Dort wird sie mit speziellen Qualifizierungstagen und Modulen auf ihre Berufspraktika vorbereitet. Trotz so mancher negativer Erfahrung während der Arbeitssuche hat sie ihre positive Einstellung trotzdem behalten.

Für etwas Smalltalk zwischendurch ist im bhz immer Zeit. Foto: Steffen Müller

Leonie Seidel (links), zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des bhz, macht einen kleinen Zwischenstopp bei Veronika Mager. Foto: Steffen Müller

Nur grüne Bälle

Im Fasanenhof nähert sich der Abend, für Veronika Mager wird es Zeit für den Heimweg. Außer der Arbeit trägt auch ihre eigene Wohnung dazu bei, dass sie möglichst selbstbestimmt leben kann. „Ich fühle mich hier akzeptiert und bin unter Gleichgesinnten. Deshalb fühle ich mich sehr wohl und freue mich auf meine Zukunft“, so Mager. „Wenn die Arbeit Spaß gemacht hat, ich etwas gelernt habe und mich mit netten Menschen unterhalten konnte, dann kann ich mit einem guten Gefühl nach Hause.“

Auch in Stuttgart-Möhringen ist mittlerweile Feierabend. Tanja Auer macht zum Abschluss ihren obligatorischen Rundgang. Wie jeden Abend riskiert sie noch einen Blick auf das Stimmungsbarometer. „Heute sind nur grüne Bälle darin“, freut sich Tanja Auer, während sie das Licht ausknipst. „Demnach war alles im grünen Bereich, alle hatten einen guten Tag“. Also auch Sophie Marie Curley.

www.bhz.de

„Es wäre schön, hier Freunde zu finden und nette Kollegen kennenzulernen“, erzählt sie. „Und einen Arbeitsplatz zu bekommen, an dem ich mich wohl fühle und der Chef freundlich ist. Dann wäre ich zufrieden“ – Sophie Marie Curley

 

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