Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

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Günter Jünemann, Senior-Chef des "Pantoffeleck" in Berlin in seiner Werkstatt © Eva Häberle

Handgemacht

Handwerkskunst liegt im Trend. Drei Handwerksbetriebe zeigen, wie die traditionelle Fertigung heute ihre Nische behauptet.

Industrie 4.0 hin, Globalisierung her: Auch heute noch ist traditionelles Handwerk stark vertreten in Deutschland und in vielen anderen Ländern. Klar begeistern moderne Hightech-Unternehmen wie Apple, Bosch und Co. mit ihren Neuentwicklungen technikaffine Nutzer rund um den Planeten. Gleichzeitig setzen immer mehr Menschen auf regionale Produkte, auf Selbstgemachtes wie Brot oder Strickwaren und auf traditionelle Handwerkskunst als Gegenentwurf zu maschineller Massenware. Wir haben uns auf die Suche gemacht und stellen drei Betriebe vor, die immer noch auf echte Handarbeit setzen und sich auf dem modernen Markt behaupten.

Tradition auf weichen Sohlen

Fast 20 Jahre lang führt Reno Jünemann schon die Geschäfte im Pantoffeleck in der Nähe des Rosa-Luxemburg-Platzes in Berlin. Der Betrieb hat vier Angestellte und ist seit 107 Jahren in Familienbesitz. „Für mich gab es keine Zweifel, in die Firma meines Vaters einzusteigen“, sagt der gelernte Orthopädie-Schuhmacher rückblickend. „Ich wollte die Tradition wahren und bin nach und nach einfach hineingewachsen. Es ist großartig, am Ende der Herstellung ein fertiges Produkt in den Händen zu haben.“ Auch heute noch stellt der Familienvater seine Produkte allein mit der Hand her. Deshalb ist jedes Paar ein Unikat. „Zwei Weltkriege, die Teilung Deutschlands, die Wiedervereinigung – im Pantoffeleck steckt eine Menge Herzblut meiner Familie. Ich bin zuversichtlich, dass wir als kleine Pantoffelmanufaktur unsere Nische gefunden haben und auch künftig haben werden, denn unsere Kunden halten uns oftmals die Treue.“ Die Käufer der Pantoffeln aus Berlin stammen aus allen Bevölkerungsschichten. Ob Arbeiter, Angestellte, Künstler oder Politiker – sie alle schätzen die Qualität und den Komfort der handgefertigten Pantoffeln, die zwischen 15 und 22 Euro kosten. 16.000 bis 18.000 Stück fertigt der Betrieb pro Jahr, und die finden ihren Weg auch ins Ausland. „Wir versenden unsere Ware rund um den Globus. Egal ob der Auftraggeber sich in Australien, Amerika, Südafrika, Japan oder im europäischen Ausland befindet – die Leute schätzen, dass wir uns von einheitlicher Massenproduktion abheben und besondere Qualität bieten. Außerdem können wir auf Kundenwünsche reagieren.“ Sogar Touristen kommen vermehrt ins Pantoffeleck, seitdem es in mehreren Reiseführern erwähnt wird.

Robust und bequem

Jünemanns Pantoffeln zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht nur leicht und bequem sind, sondern gleichzeitig auch stabil. Sie besitzen keine geklebte, sondern eine durchgenähte Sohle. Und für Holzfußböden bietet er sie auch speziell mit Filzsohle an. Bei seinen Schlappen gibt es zudem keinen rechten und keinen linken Fuß, beide sind gleich. „Weil die Pantoffeln widerstandsfähig sind, kommen Kunden oft nur alle paar Jahre. Wir hatten aber auch mal eine Kundin, die kaufte alle sechs bis acht Wochen ein neues Paar“, erinnert Jünemann sich. „Als ich sie fragte, ob mit den Pantoffeln alles in Ordnung sei, sagte sie mir, dass ihr Hund die Hausschuhe ihres Mannes zerbeißt. Sie kaufte heimlich neue, damit der Hund keinen Ärger bekommt.“ Ob es den Familienbetrieb irgendwann auch in fünfter Generation geben wird, weiß der 46-jährige Jünemann nicht. Aber für die Entscheidung haben seine beiden 13 und 16 Jahre alten Töchter noch viel Zeit.

www.pantoffeleck.de

Handarbeit wie vor 90 Jahren

Heiß her geht es in der Kupfermanufaktur Weyersberg. Der 2009 von Marc Weyersberg gegründete Betrieb stellt exklusives Kochgeschirr für ambitionierte Hobbyköche her – und zwar rein von Hand. „Wir fertigen Nischenprodukte in kleinen Stückzahlen, die zeitlos sind und praktisch ewig halten“, sagt Marc Weyersberg, der den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hat, nachdem er zuvor zehn Jahre bei einem deutschen Haushaltswarenhersteller und anschließend als Vertriebsleiter für einen französischen Hersteller von Gusseisenprodukten tätig war. Doch 2009 wurde er arbeitslos. „Das war ein echter Einschnitt. Plötzlich steht man mit Anfang 40 auf der Straße, und das mitten in der Finanzkrise. Ich bin dann das Risiko eingegangen und habe die Manufaktur gegründet, weil ich mein eigener Herr sein wollte. Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis die Banken meinen Businessplan unterstützt haben, und durch Glück konnte ich zur rechten Zeit eine Metalldruckerei in Eppingen als Produktionspartner gewinnen. So ging alles los.“ Heute arbeitet Marc Weyersberg am liebsten mit kleinen Betrieben zusammen. Dann könne man vieles auf Augenhöhe lösen und werde ernst genommen, sagt er. Und wenn mal etwas schiefgehe, könne man sich aufeinander verlassen, weil man ähnliche Probleme habe. „Einmal hat ein Partner sogar das Wochenende durchgearbeitet. Das ist in einem mittelständischen Betrieb undenkbar. Aber für uns ist das natürlich der Pluspunkt, der über Erfolg oder Misserfolg entscheiden kann.“
Zur Manufaktur Weyersberg gehört eine fünfköpfige Fertigung in Eppingen bei Heilbronn. Dort gibt es zwei Maschinenarten: einmal Pressen, mit denen Töpfe und alles Zylindrische tiefgezogen werden. Und 90 Jahre alte Drückmaschinen, mit denen Pfannen hergestellt werden. Wenn es trotzdem mal eng wird mit der Produktion, springt Gerold Strauß aus Pforzheim ein. Der Metalldrückermeister fertigt im Einmannbetrieb mit dem Geschick jahrzehntelanger Erfahrung und mit Muskelkraft die Metallwaren. „Er hat ein fantastisches Gefühl, wie das Material reagiert. Das ist unglaublich kunstfertig“, sagt Weyersberg. „Hier kommen altes Wissen und Techniken zum Einsatz, die heute nur noch wenige beherrschen. Die sind für uns aber sehr wichtig. Denn erstens legen wir sehr großen Wert auf eine traditionelle Fertigung mit der Hand und zweitens sind moderne CNC-Maschinen bei kleinen Chargen unwirtschaftlich. Die müssen nämlich einen halben Tag lang eingestellt werden.“

Mehr als nur Nostalgie

Mit seiner Kupfermanufaktur Weyersberg geht es dem 1969 geborenen Familienvater nicht bloß um das Flair des Exklusiven, sondern auch um Kocheigenschaften. Schließlich leitet Kupfer, das Material seiner Pfannen und Töpfe, Wärme 20-mal besser als Edelstahl. Gleichzeitig müssen die traditionell hergestellten Töpfe und Pfannen mit moderner Herdtechnik harmonieren. „Wer exklusive Pfannen kauft, der hat zumeist einen hochwertigen Herd – und das bedeutet heute oftmals Induktion“, betont Weyersberg. „Deshalb tragen wir auf den Boden eine dünne Schicht aus ferromagnetischem Stahl auf. Dieser ist magnetisch und schafft ein starkes Induktionsfeld. Anschließend versiegeln wir den Stahl mit Keramik, um Rost vorzubeugen.“ Und das ist preiswürdig, findet eine Fachjury des Deutschen Manufakturverbands, die eine Kupferbackform mit Keramikbeschichtung von Marc Weyersberg gleich doppelt ausgezeichnet hat: einmal mit dem ersten Preis für das innovativste Manufakturprodukt und mit dem zweiten Platz für das Manufakturprodukt des Jahres 2016.

Das Gewicht macht’s

Für alle, die sich neues Kochgeschirr kaufen möchten, hat Marc Weyersberg einen Tipp: Gutes Material benötigt ein gewisses Gewicht, um die Wärme der Herdplatte effizient auszunutzen. „Ein Kupfertopf von 24 Zentimeter Durchmesser, mit einer Höhe von 13 Zentimetern und zwei Millimeter Kupferblech wiegt bei uns 2,5 Kilo. Sind Töpfe und Pfannen auffallend leicht, taugen sie nicht viel.“

www.kupfermanufaktur.com

In päpstlicher Mission

Donnernd kracht der fünf Kilo schwere Hammer auf den heißen Stahl. Zwischen dem Werkzeug und dem Amboss beginnt das Metall langsam die richtige Form anzunehmen. Der 35-jährige Johann Schmidberger betreibt zusammen mit seinem jüngeren Bruder Georg eine Werkstatt im österreichischen Molln. Gemeinsam mit ihrem Vater Johann senior erhielten sie 2009 den Auftrag, 65 Harnische für die Armee des Vatikans herzustellen. Nach acht Jahren ist das Projekt nun beinahe beendet: „60 Harnische sind geliefert und fünf folgen diesen Winter noch“, resümiert Johann Schmidberger zufrieden.

Neue Rüstungen mit alter Technik

Ein solches Großprojekt hatten die erfahrenen Handwerker bisher noch nicht zu bewältigen. Dabei haben sie schon einiges geschmiedet: Truhen, Schwerter, sogar eine tonnenschwere Zugbrücke. Auch Bruno Ganz als Odysseus und Klaus Maria Brandauer als Wallenstein kamen in den Genuss, handgefertigte Rüstungen aus der Werkstatt der Schmidbergers zu tragen. Und das sollten auch die Harnische für die Schweizergarde sein: originalgetreu nicht nur im Aussehen, sondern auch gefertigt mit mittelalterlicher Schmiedetechnik. „Wir gehören zu den wenigen, die das Metall noch so von Hand bearbeiten können“, erklärt Georg. Ohne den wahren Kunden zu kennen, erhielten sie 2009 die Aufgabe, einen Prunkharnisch anzufertigen, der für den Kommandanten der Schweizergarde bestimmt war. Nach 700 Stunden Arbeit war er fertig und überzeugte so sehr, dass die Schmidbergers den Auftrag erhielten, die komplette Schutztruppe des Papstes neu auszustatten. Denn die bisherigen Rüstungen sind seit 500 Jahren ununterbrochen im Dienst und mittlerweile zu klein. Rund 30 Zentimeter sind die Gardisten heute größer als ihre Kameraden früher. Außerdem kann der Vatikan die Originalrüstungen nur für die Nachwelt bewahren, wenn er Ersatz hat. Sobald jeweils fünf Harnische fertig sind, bringen die Brüder sie persönlich nach Rom. „Die sind zu wertvoll, als dass wir sie als Paket verschicken könnten“, sagen sie. Schließlich sollen die Rüstungen nun die päpstliche Garde in den nächsten 500 Jahren zieren und „werden noch im Vatikan sein, wenn wir alle nicht mehr da sind“, sagt Johann stolz. Denn die Schmiede dürfen alle Harnische mit einem kleinen GS oder JS signieren. „Wer die mittelalterlichen Rüstungen gefertigt hat, weiß man nicht. Aber an uns wird man sich dann hoffentlich erinnern“, sagt Georg.

Die Schmidbergers haben die Kunstfertigkeit des Schmiedens nicht nur im Namen, sondern auch im Blut. Seit 200 Jahren ist ihre Schmiede in Molln in Familienbesitz und seit mehr als einem halben Jahrtausend ist die Familie in Österreich für ihre Schmiedetechnik bekannt. Mit Maximilian, dem Sohn von Georg, steht außerdem die nächste Generation schon bereit.

www.schmiede-schmidberger.at

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