Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

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Normen im Alltag: Das Bild zeigt eine Glühbirne auf einer schwarzen Tafel.DIN Normen begleiten uns in unserem Alltag. © GettyImages/Yagi Studio

„Die Diplomatie der Technik“

Normen begegnen uns im Alltag oft unbemerkt, tragen aber wesentlich zu einer hohen Lebensqualität bei.  Elisabeth Beck, Leiterin der Gruppe Gesundheit beim Deutschen Institut für Normung e.V. (DIN), über die Bedeutung von Normen.

 

Frau Beck, was erwidern Sie, wenn jemand sagt: „DIN, das sind doch die mit dem A4-Papier“?

Ja, das stimmt, aber DIN ist noch viel mehr. Wir sind immer von Produkten umgeben, die unter anderem durch Normen so praktisch, sicher und gut sind, wie wir es erwarten. Manchmal spüren wir aber auch, wenn Normen fehlen. Denken Sie beispielsweise an die verschiedenen Ausführungen von Steckdosen, denen wir im Ausland begegnen.

 

Was sind das für Normen, die unbemerkt unseren Alltag einfacher machen?

Den ersten Normen begegnen Sieschon morgens im Badezimmer. Sie legen fest, welche Belastung die Borsten der Zahnbürste aushalten müssen, damit sie nicht ausfallen. Oder sie regeln, welchen Eigenschaften Zahnpasta entsprechen sollte. Damit Sie auf dem Weg zum Einkaufen sicherer gehen, ist die Höhe der Treppenstufen so genormt, dass wir sie gut besteigen können. Und die Größe von CDs ist so festgelegt, dass sie in jeden Player passen, und ihre Datenformate so, dass jeder Player sie auch lesen kann. Ich könnte da noch eine ganze  Weile weitermachen.

 

Stimmt also das Klischee, dass wir Deutschen Regeln und Vorschriften besonders lieben?

Nach meiner Aufzählung eben könnte man das tatsächlich meinen. Tatsächlich gibt es allein in unserem Normenwerk in Deutschland rund 34.000 Normen. Das sind aber zu 80 Prozent europäische und internationale Normen, hier haben unterschiedliche Länder zusammengearbeitet. Menge hat einen guten Grund: Normen bringen viele Vorteile für Unternehmen und Verbraucher mit sich. Denn sie schaffen Klarheit, welche Eigenschaften Produkte haben, und machen damit die Zusammenarbeit von Unternehmen erst möglich. Sie definieren nämlich auch Schnittstellen oder Anforderungen. Nur so passt beispielsweise später die Glühbirne auch zur Lampe. Alle Beteiligten haben durch Normen die gleiche Informationsbasis, auf der sie arbeiten. Das sichert damit auch die Qualität von Produkten.


„Normen schaffen Klarheit, welche Eigenschaften Produkte haben,

und machen damit die Zusammenarbeit von Unternehmen möglich.“



DIN ist eine der ältesten Normungsorganisationen weltweit. Erfüllen wir also doch das Klischee?

Auf jeden Fall hat man in Deutschland sehr früh erkannt, welche Vorteile Normen für die Wirtschaft und Gesellschaft haben. Wir arbeiten mittlerweile aber sehr international. Weil es DIN schon seit mehr als einhundert Jahren gibt, spielen wir dank unserer Erfahrung dabei eine wichtige Rolle. Sicher ist: Der Welthandel, wie wir ihn heute kennen, wäre ohne Normung nicht denkbar. Und Deutschland ohne Normen kein Exportweltmeister. 

 

Wer entscheidet denn, dass eine neue Norm benötigt wird?

Jeder kann eine Idee bei uns einreichen. Das geht einfach online über einen Normungsantrag. Wir bekommen also immer Impulse von Einzelpersonen oder Unternehmen, von DIN selbst kommen keine Normungsideen. Wir organisieren bei DIN dann den Normungsprozess, bringen aber auch dabei selbst keine Inhalte ein.

 

Wie entsteht eine Norm?

Der Normungsantrag geht an den für den Themenbereich zuständigen Ausschuss bei DIN. Der bespricht mit seinen Fachkreisen, ob für das Thema Bedarf besteht, wie die die Projektarbeit finanziert wird und so weiter. Es gibt keine Norm nur um der Norm willen, sondern deshalb, weil sie Vorteile mit sich bringt. Die Fachkreise entscheiden auch darüber, ob die Norm auf nationaler oder internationaler Ebene erarbeitet werden sollte, beziehungsweise in welcher Reihenfolge dies geschieht. Nachdem der zuständige Lenkungsausschuss zugestimmt hat, erarbeiten die Experten einen Norm-Entwurf. Auch die breite Öffentlichkeit kann während des Normungsprozesses Stellung beziehen. Einmal vor Beginn der Normungsarbeit und dann noch einmal zum Entwurf, der kostenlos im Norm-Entwurfs-Portal zur Verfügung steht. Über diese Stellungnahmen beraten die Experten dann erneut und veröffentlichen letztendlich die fertige Norm. Die Aufgabe von DIN ist dabei immer, dass alle betroffenen Interessengruppen ihre Perspektive einbringen können.

Das Bild zeigt, wie eine Norm entsteht in fünf Schritten.

 

Welche Rolle spielen internationale Normen und wie gestalten Sie hier die Zusammenarbeit? 

Die spielen eine sehr große Rolle, weil man sich fast überall nach der internationalen Normung richtet. Sie werden deshalb heute oft direkt auf internationaler Ebene erarbeitet. Die Vorschläge für neue Themen und Inhalte kommen dabei von den mitwirkenden Ländern und basieren häufig auf nationalen Vorarbeiten. Natürlich muss der Antragsteller auch den Normungsbedarf begründen. Und die Vorschläge müssen bestimmte Kriterien erfüllen, damit ein Normprojekt angenommen wird. Die eigentliche Arbeit erfolgt dann in Arbeitsgruppen, in die jedes interessierte Land seine Experten entsenden kann. Eines der beteiligten Länder übernimmt das Projektmanagement. Deutschland hat dabei oft eine führende Rolle. Die Projektleitung hat sich aber natürlich neutral zu verhalten.

 

Es gibt sogar eine Norm, die Qualität selbst definiert. Warum?

Das stimmt, und zwar die internationale Norm DIN EN ISO 9000 für das Qualitätsmanagement. Dazu gehören weitere Normen in der sogenannten 9000er-Reihe. Darin werden die Anforderungen, Grundlagen und Begriff rund um Qualität definiert. So können Unternehmen ihr Qualitätsmanagement aufbauen. Außerdem sind sie die Grundlage für Zertifizierungen.

Das Deutsche Institut für Normung e.V. (DIN) Als unabhangige Plattform steuert DIN den Normungsprozess in Deutschland, in den 35.500 Experten ihr Fachwissen einbringen. Sie kommen aus Wirtschaft, Forschung, der off entlichen Hand und von Verbraucherseite. DIN organisiert den Normungsprozess, um marktgerechte Normen und Standards zu entwickeln und vertritt Deutschland in der internationalen Normung.



Sie selbst sind bei DIN im Bereich Medizin und Gesundheit tätig. Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich dort?

Der Bereich Medizin und Gesundheit ist ein sehr breites Feld. Hier geht es beispielweise darum, wie verträglich bestimmte Materialien sind, die in Medizinprodukten wie Implantaten stecken. Oder stellen Sie sich ein Blutdruckmessgerät vor. Hier muss sichergestellt sein, dass es richtig misst und die Werte unabhängig vom verwendeten Gerät vergleichbar sind. Es gibt zahllose Beispiele für weitere Anwendungsfälle: die Inhalte des Kraftfahrzeug-Verbandskastens, die Sehzeichen für die Sehschärfeprüfung und viele mehr. Auch die Medizininformatik ist für uns relevant: Normen helfen, damit verschiedene Medizingeräte miteinander kommunizieren können. Und sie regeln Aspekte, die für eine elektronische Krankenakte notwendig sind, auch in Bezug auf Datensicherheit.

 

Gibt es außergewöhnliche Themen oder Beispiele für Normen im medizinischen Bereich?

Zurzeit arbeiten wir an einer sehr wichtigen Norm: der DIN 13063 zum Thema Krankenhausreinigung. Jeder hat schon mal von sogenannten „Krankenhausinfektionen“ gehört. Die Krankenhausreinigung kann das Risiko dafür verringern. Die Frage ist aber, was die angemessene Reinigung im Patientenzimmer, auf der Intensivstation oder im Operationssaal ausmacht. Wie kann man bewerten, dass ein Reinigungsdienst tatsächlich gut ist? Oder wie stellt man sicher, dass der Lappen am Wischer die Keime auch wirklich entfernt und nicht noch weiterverbreitet.

 

Lässt sich auch die medizinische Behandlung von Menschen in Normen abbilden?

Sogenannte medizinische Leitlinien geben Ärzten, Pflege- und Fachkräften Orientierung, damit sie ihre Patienten angemessen behandeln und versorgen können. Das sind aber keine DIN-Normen. Solche Leitlinien fassen den aktuellen medizinischen Wissensstand zusammen und werden gemeinsam von Ärzten, Pflegern und Patienten entwickelt. Leitlinien sind – genau wie Normen – keine Richtlinien, also nicht verpflichtend. Ärzte können von ihnen abweichen und andere Behandlungsweisen empfehlen, wenn sie denken, dass diese für den Patienten besser geeignet sind. Am Ende entscheiden sie also für jeden Menschen individuell. Das ist auch wichtig, weil jeder Mensch anders ist.


„Ich bin davon überzeugt, dass wir mit Normen unsere Lebens und Arbeitsqualität Entscheidend verbessern.“



Was sind die zukünftigen Herausforderungen für die Normungsarbeit, beispielweise in Bezug auf Künstliche Intelligenz (KI)? 

Im Medizinsektor dreht sich die Diskussion beim Thema KI zurzeit vor allem um Fragen der Ethik. Beispielweise wie man sicherstellt, dass KI nicht diskriminiert. Wenn es um die Leistungsfähigkeit bestimmter Produkte oder Verfahren geht, kann und wird KI in der Medizin definitiv Einzug halten. Aktuell begleiten wir die Erstellung eines Leitfadens für die standardisierte Entwicklung von Deep-Learning-Bilderkennungssystemen. Solche Systeme können beispielsweise durch automatisierte Bildauswertung gesundes Gewebe von Tumorgewebe unterscheiden. Dabei ist aber immer zu beachten, dass KI den Menschen unterstützen soll. Die Systeme helfen Ärzten, sich voll auf die Behandlung der Patienten konzentrieren zu können.

 

Sie beschäftigen sich den ganzen Tag mit Normen. Wird man da mit der Zeit ein pingeliger Mensch?

Vielleicht färbt das manchmal ein bisschen ab. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir mit Normen unsere Lebens- und Arbeitsqualität entscheidend verbessern. Deswegen ist es richtig und wichtig, sich dafür einzusetzen. Es ist spannend und macht Spaß, die unterschiedlichen Interessen auszubalancieren und so zu einer besseren Qualität und Zusammenarbeit beizutragen. Normungsarbeit ist also kein bisschen langweilig, ganz im Gegenteil: Sie ist die Diplomatie der Technik, könnte man sagen.

 

An welcher Stelle legen Sie persönlich besonderen Wert auf Qualität?

Bei meiner Arbeit darauf, dass wir fehlerfreie Normen herausgeben und so helfen, fehlerfreie Medizinprodukte schaff en zu können. Im Privaten ist mir Nachhaltigkeit ein wichtiges Anliegen, wobei Nachhaltigkeit und Qualität für mich in vielerlei Hinsicht Hand in Hand gehen.

 

 

Das Bild zeigt die Diplom-Ingenieurin und Leiterin der Gruppe Gesundheit beim deutschen Institut für Normung e.V. (DIN).

© DIN/ Christian Kruppa

Zur Person: Elisabeth Beck, 52, Diplom-Ingenieurin (FH), ist seit 2007 Gruppenleiterin bei DIN e. V. Ihre Gruppe Gesundheit hat 26 Mitarbeitende an den Standorten Berlin und Pforzheim. Die studierte Augenoptikerin ist seit Ende 1994 im Bereich des Normenausschusses Feinmechanik und Optik sowie im Projektmanagement fur Normung auf nationaler, europaischer und internationaler Ebene mit dem Themenschwerpunkt Augenoptik und Augenheilkunde bei DIN tatig.





 

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