Das Magazin der Schwenninger Krankenkasse

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Wenn wir eine Entscheidung treffen, kommt es immer auf das Zusammenspiel zwischen Kopf und Bauch an. Das Bild zeigt zwei Personen: Einmal ist der Kopf und einmal der Bauch mit einem Emoji überdeckt. Die Emojis stehen entsprechend für Kopf- oder Bauchentscheidungen.Es kommt immer auf das Zusammenspiel zwischen Kopf und Bauch an. © Communication Consultants/ Felix Hartmann

Das zweite Gehirn?

Der Kopf und der Bauch sind unsere wichtigsten Berater im Alltag. Ihre einzige Gemeinsamkeit: Beide möchten uns helfen, richtige Entscheidungen zu treffen. Aber: Können wir beiden gleichermaßen vertrauen?

Ugur Altun hört einen Schrei. Als Busfahrer kennt er Schreie. Von raufenden Kindern, streitenden Ehepaaren oder grölenden Weindorfbesuchern. Bei diesem Schrei weiß er sofort: Es geht um Leben und Tod. Gemeinsam mit einem Kollegen, mit dem er eben noch einen Pausenkaffee trinken wollte, sprintet er los. Er rennt zu einem nahegelegenen Bahnsteig und sieht, wie ein offensichtlich geistig verwirrter, kräftiger Mann eine Frau an ihren Haaren zu den Gleisen zieht. Eine Bahn fährt ein. Entsetzen.

Was tun?

Altun hat kaum Zeit nachzudenken. Er greift ein, stößt den Angreifer davon, rettet die Frau in letzter Sekunde vor dem einfahrenden Zug. In der Zwischenzeit greift der verwirrte Mann Altuns Kollegen an. Wieder geht der junge Busfahrer dazwischen, gemeinsam überwältigen sie den Mann. Wenige Minuten später kommt die Polizei. Fünf Beamte sind nötig, um den Angreifer zu bändigen. Und Altun? Der setzt sich in den Bus und fährt los, als wäre nichts geschehen. Bis er merkt, dass seine Schulter schmerzt. Später stellt sich heraus: Sie ist mehrfach ausgekugelt worden. Fast fünf Monate lang sollte Altun deswegen dienstunfähig sein.

Erfahrung und Wissen

Stattgefunden hat die Rettungsgeschichte Ende 2017 am Bahnhof Wendlingen, nahe Stuttgart. „Ich würde es heute genauso wieder machen“, sagt Altun, ohne zu zögern. Auch auf die Frage, wo in ihm die Entscheidung gefallen sei, der Frau zu helfen, hat er eine schnelle Antwort: „Im Kopf.“ Ob auch der Bauch ein wenig mitentschieden habe? Diesmal muss Altun tatsächlich ein wenig länger nachdenken, dann sagt er feixend: „Na ja, wer weiß, vielleicht hat auch der Bauch an den Kopf gemeldet: Auf geht’s, loslaufen!“ Dass es so geschehen sein kann, hält der Psychologe Gerd Gigerenzer für gut möglich. Er ist Autor des Buches „Bauchentscheidungen – Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“. Seiner Meinung nach steht außer Frage, dass wir Menschen öfter auf unsere Intuition hören sollten, wenn wir denn nur die richtige Definition davon zugrunde legen: „Ich verstehe unter Intuition ein gefühltes Wissen, das auf jahrelanger Erfahrung beruht. Dabei spürt der Mensch bei Entscheidungen sehr schnell, was er tun sollte und was nicht – ohne dass er es in Worte fassen kann“, sagt Gigerenzer. Das habe nichts mit Willkür oder gar mit Esoterik zu tun, sondern mit einem komplexen, unbewussten Zusammenspiel zwischen Wissen und Erfahrung. Intuition lerne man daher erst. Sprich: Der erfahrene Arzt dürfe bei einer Operation ruhig seinem Bauchgefühl vertrauen. Der Lottospieler, der sich denkt: „Mensch, diesmal könnte es klappen mit dem Jackpot“, sollte hingegen lieber nicht auf seinen Bauch hören. „Das hat nichts mit Intuition zu tun, sondern mit statistischer Inkompetenz“, sagt Gigerenzer lachend, „hier fehlt schlicht das nötige Wissen.“

 

„Es kommt immer auf ein Zusammenspiel zwischen Kopf und Bauch an. Man sollte nie das eine gegen das andere ausspielen.“
Gerd Gigerenzer

 

Viel denken = immer gut?

Das Foto zeigt den Psychologen Gerd Gigerenzer.

Mehr Bauch wagen: Der Psychologe Gerd Gigerenzer ist der Meinung, dass wir Menschen öfter auf unseren Bauch hören sollten. © Eva Häberle

Gigerenzer plädiert nicht dafür, nur noch Bauchentscheidungen zu treffen. „Es kommt immer auf ein Zusammenspiel zwischen Kopf und Bauch an. Man sollte nie das eine gegen das andere ausspielen. Aber man sollte auch gegenüber beidem gleichermaßen kritisch sein: Der Bauch kann irren, aber der Kopf genauso.“ Gerade dann, wenn wir Expertise haben, könne uns zu viel Logik und zu wenig Bauch zu falschen Entscheidungen führen. Als Beispiel nennt Gigerenzer eine Studie der Psychologin Sian Beilock von der Universität von Chicago. Sie hat Folgendes herausgefunden: Während Amateurgolfer ihren Ball am besten schlagen, wenn sie genug Zeit haben, alles zu analysieren – Entfernung, Platzbeschaffenheit, Wind – sind Profigolfspieler erfolgreicher, wenn man ihnen nur wenig Zeit lässt, um über den Schlag nachzudenken. Ihre Intuition leitet sie besser als logische Analysen. Das Gleiche gelte, so Gigerenzer, auch auf anderen Gebieten. Beispielsweise in der Wirtschaft: Er selbst habe etwa mit einer Bank zusammengearbeitet, in der es fünf Vorstände gab. Dort seien Entscheidungen früher immer in der Gruppe getroffen und ausdiskutiert worden. Waren beispielsweise vier Vorstände für eine große Investition und einer wegen eines negativen Bauchgefühls dagegen, wurde letzterer zwar kurz gefragt, warum er Einwände hätte, aber weil er die Gründe – naturgemäß – nicht in Worte fassen konnte, wurde über seine Intuition hinweggesehen. „Heute machen sie es anders: Hat einer ein negatives Bauchgefühl, fragen die anderen nicht mehr nach dem Warum, sondern schauen zunächst: Wer hat am meisten Erfahrung in dem Bereich? Ist das derjenige mit den Bedenken, akzeptieren die anderen dessen Entscheidung“, sagt Gigerenzer. Seit der Vorstand Entscheidungen auf diese Art trifft, sei die Bank erfolgreicher.

 

„Zahlreiche unserer Studien zeigen: Wir Menschen sind rationaler und schlauer, als wir denken.“
Markus Knauff

 

Mehr Bauch oder mehr Kopf?

Das Foto zeigt den Psychologen und Kognitionswissenschaftler Markus Knauff.

Der Psychologe und Kognitionswissenschaftler Markus Knauff sagt: Nicht mehr Bauch ist richtig, sondern mehr Verstand. © Kathrin Binner

Auch Altun konnte, so Gigerenzer, auf seine Erfahrung vertrauen: Er habe tagtäglich mit Menschen zu tun, kenne Gefahrensituationen aus seinem Beruf, könne sie wahrscheinlich besser einschätzen als die meisten gewöhnlichen Passanten. „Hier hat er wahrscheinlich zu Recht auf seinen Bauch gehört“, sagt Gigerenzer. Zustimmung für diese Meinung bekommt er vom Psychologen Markus Knauff. Das mag im ersten Moment verblüffen, denn Knauff setzt sich sehr dafür ein, das Thema Bauchgefühl nicht zu hypen – und dem logischen Denken wieder mehr Raum zu geben. „Der Fall am Bahnhof zeigt doch prima, dass der Bauch und der Kopf manchmal zu den gleichen richtigen Entscheidungen kommen“, sagt Knauff. „Gerade wenn es um Zivilcourage, Mitgefühl und das menschliche Miteinander geht, ist es meistens gut, auf seine Intuition zu hören. Und wenn ich heiraten will, ist der Bauch auch ein sehr guter Berater.“
Und sonst? Knauff tut sich schwer damit, dass immer mehr Ratgeber erscheinen, die geradezu dazu aufrufen, gar nicht mehr auf den Kopf zu hören. „Die Psychologie hat – meiner Meinung nach – heute die Aufgabe, den Menschen zu sagen: Nicht mehr Bauch ist richtig, sondern mehr Verstand.“

Mehr hinterfragen

Dass der Bauch in vielen Fällen ein schlechter Ratgeber ist, macht Knauff an einem Beispiel fest: „Nach den Anschlägen am 11. September 2001 sind in den USA viele Menschen vom Flugzeug aufs Auto als Verkehrsmittel für Fernreisen umgestiegen – schlicht wegen eines schlechten Bauchgefühls. Statistisch dokumentiert ist, dass es dadurch viel mehr Verkehrsunfälle gab. Hätten die Menschen rational entschieden, wären nicht so viele auf den Straßen verunglückt.“ Ein weiteres Beispiel sei der junge Mensch, der sich kurz nach Beginn seiner Ausbildung fragt, ob er schon fürs Alter vorsorgen solle. „Der entscheidet oft aus dem Bauch heraus: ‚Ach, was schert mich jetzt mein Leben im Alter?‘ Dabei wäre es vernünftig, wenn er die Entscheidung rational angehen würde“, sagt Knauff. Mittlerweile gebe es sogar ein bedrohliches Massenphänomen, welches geradezu darauf baut, dass Menschen zu sehr auf ihre Intuition hören: Fake News. „Fake News zielen nur auf das Bauchgefühl von Menschen ab. Selbst erfahrene Nutzer von Online-Diensten und sozialen Medien sind davor nicht sicher. Nehmen wir etwa die Nachricht: ‚Der Papst unterstützt eine Präsidentschaft Donald Trumps‘. Der Bauch sagt vielleicht, dass das durchaus sein könne. Und schon ist die Nachricht weiterverbreitet und erreicht die nächsten dreißig Freunde. Hätte man hingegen nur eine Minute ernsthaft darüber nachgedacht, wäre den meisten Menschen aufgegangen, dass das nicht wahr sein kann“, sagt Knauff.

 

„Zivilcourage zeigen? Das sollte selbstverständlich sein! Ich würde es heute genauso wieder machen.“
Ugur Altun

 

Im Chinarestaurant

Dass Bauchentscheidungen derzeit im Trend seien, liege unter anderem daran, dass die Psychologie jahrelang propagiert habe, dass der Mensch in vielen Fällen gar nicht in der Lage sei, logisch zu denken. „Es gibt dutzende Studien, die diesen Schluss nahelegen. Auf der anderen Seite haben wir zahlreiche Experimente durchgeführt, die zeigen: Wir Menschen sind rationaler und schlauer, als wir denken“, sagt Knauff. Verschiedene geistige Prozesse würden bei Entscheidungen in uns miteinander konkurrieren. Der Kopf und der Bauch streiten also darum, wie der Mensch entscheiden soll. Oft gewinne dabei der Bauch, weil er meist schneller eine Antwort parat hat. „Das ist durchaus okay. Wir brauchen im Alltag nicht immer die beste Lösung, eine gute reicht meistens. Wenn ich etwa ins Chinarestaurant gehe, das mir 150 Gerichte anbietet, die fast alle gleich schmecken, muss ich nicht eine halbe Stunde darüber nachdenken, welches ich nehme. Der Bauch sagt: ‚Nimm Nummer 37!‘, und ich bin zufrieden damit. Bei wichtigen Entscheidungen sollten wir Menschen allerdings hinterfragen: Wie ist meine Meinung zu dem Thema eigentlich zustande gekommen? Habe ich genügend Informationen? Kann ich noch mehr Infos sammeln? Sind meine Argumente schlüssig? Gibt es Widersprüche? „Nachdenken macht Mühe, aber hinterher lohnt es sich meistens“, sagt Knauff.

Und nun?

Das Foto zeigt Ugur Altun.

Für seine Zivilcourage ist Ugur Altun mit dem XY-Preis der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ ausgezeichnet worden. © Cira Moro

Zurück zum Lebensretter aus Süddeutschland: Neulich musste Ugur Altun wieder eine wichtige Entscheidung treffen. Diesmal ging es nicht um Leben und Tod, sondern um den Kauf einer Kaffeemaschine. „Ich hatte schon eine ausgesucht. Aber mein Bauch hat gesagt: Nein, irgendwie fühlt sich das komisch an.“ Der Kaffeeliebhaber entschied sich um, griff zu einer anderen Maschine. „Bei der passt einfach alles“, sagt Altun und fügt lachend hinzu: „Bestimmt hat der Kopf dem Bauch mittlerweile zurückgemeldet: Glückwunsch, da hast du alles richtig gemacht!“ Wahrscheinlich würden auch Gigerenzer und Knauff Altun zum guten Kauf beglückwünschen. In den Gesprächen mit beiden Psychologen hat man übrigens eines deutlich gespürt: Keiner möchte ein Dogma aufstellen. Weder verteufelt Gigerenzer Kopfentscheidungen, noch stellt sich Knauff gegen jedwedes Bauchgefühl. Vielmehr halten beide ein leidenschaftliches Plädoyer für ihre Position. Nun ist die Leserin oder der Leser dieses Textes in der glücklichen Lage, selbst entscheiden zu dürfen, ob man eher Gigerenzer oder Knauff zustimmen möchte. Was sagt Ihr Bauch dazu? Und was Ihr Kopf?

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